HEIMAT KEHRT ZUR HEIMAT WIEDER

mit Vorarlberg. Zu diesem historischen Festakt an der Walserschanz trafen sich Mitglieder des neu
gegründeten Vorarlberger Landtags, Vertreter der Französischen Besatzungsmacht sowie Persönlichkeiten
aus Vorarlberg und aus dem Tal. Foto: Karl Max Kessler Archive
Am 20. September 1945 wurde die offizielle Wiedervereinigung des Kleinwalsertals mit Vorarlberg gefeiert – nach sieben Jahren Zugehörigkeit zum „Gau Schwaben“ infolge des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938. Zu diesem historischen Festakt trafen sich Mitglieder des neu gegründeten Vorarlberger Landtags, Vertreter der Französischen Besatzungsmacht sowie Persönlichkeiten aus dem Ländle und aus dem Tal selbst im Kleinwalsertal.
Der Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland, de facto der Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 12. März 1938, hatte für das Kleinwalsertal weitreichende Folgen. Naturgemäß verlor durch die Angliederung an Deutschland der Zollanschlussvertrag von 1890 seine Bedeutung. Der Gemeindetag wurde aufgelöst und Bürgermeister Gedeon M. Fritz abgesetzt. Am 16. April 1938, wenige Tage nach der Abstimmung über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, stellten der Kommissarische Bürgermeister und die NSDAP-Ortsgruppenleitung bei der Landeshauptmannschaft und der NSDAP-Gauleitung Vorarlberg den Antrag, das Kleinwalsertal im Zuge des Neuaufbaus Österreichs verwaltungsmäßig dem Bezirk Sonthofen im Regierungsbezirk Schwaben einzugliedern. Die Partei feierte schließlich am 12. Juli 1938 pompös die Eingliederung des Kleinwalsertals in den NSDAP-Gau Schwaben.
Die feierliche Übernahme vollzog bei strömenden Regen der Gauleiter Karl Wahl. Nicht wenige Kleinwalsertaler blieben dieser Zeremonie freilich fern, manche wohl auch demonstrativ, um ihren Protest zum Ausdruck zu bringen. Für alle politischen Maßnahmen war ab diesem Zeitpunkt der Gau Schwaben zuständig. Die Steuern mussten in Folge nach Deutschland abgeführt werden. Zu Beginn der NS-Zeit wurde das Kleinwalsertal als zweitgrößter Wintersportplatz des Großdeutschen Reiches beworben. Nach Ausbruch des Kriegs kam der Fremdenverkehr jedoch nach und nach zum Erliegen. Andererseits nahm die Anzahl der im Tal evakuierten Personen beträchtlich zu. Die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges waren überall zu spüren.
1944 landeten die Alliierten Streitkräfte in der Normandie. Die Frontlinien rückten immer näher und schoben viele Tausende ostdeutsche Flüchtlinge in den süddeutschen Raum, so auch ins Kleinwalsertal, das sich seit März 1945 mit Tausenden von Flüchtlingen und Evakuierten füllte. Hinzu kamen über tausend Rekonvaleszenten, die in den zu Lazaretten umgewandelten Hotels untergebracht wurden. Im Verlauf von wenigen Monaten wuchs die Bevölkerung von 2.500 auf nahezu 10.000 Personen, die versorgt werden mussten.
Abseits der akuten Nahrungssorgen bangte die Walser Bevölkerung mehr denn je um das Schicksal ihrer Angehörigen an der Front. Einhundert Kleinwalsertaler waren bereits gefallen, fünfzig galten als vermisst und noch dreihundert kämpften an allen Fronten. Nur durch Abhören von Feindsendern im Radio erfuhr man von dem Herannahen der Westarmeen, die am 27. April 1945 Kempten erreicht hatten. In Kenntnis dieser höchst bedrohlichen Lage sahen sich beherzte Männer seit den Aprilwochen zu regelmäßigen Nachtwachen genötigt, um Leben, Hab und Gut der Mitbürger vor unüberlegten Übergriffen und Plünderungen zu schützen.
Etwas Zuversicht auf eine „Lösung ohne Blutvergießen“ bewirkten die abgeworfenen Flugblätter, in denen Franzosen und Amerikaner zusicherten, in Österreich als „Befreier“ einmarschieren zu wollen. Einen zweiten Hoffnungsschimmer bildeten die von der Gestapo als sogenannte „Ehrengefangene des III. Reiches“ im Ifen Hotel in Hirschegg internierten Ausländer, unter denen der ehemalige französische Botschafter André François-Poncet eine Schlüsselrolle spielen sollte. Ein von ihm verfasstes Schreiben konnte von Peter Meusburger, dem Leiter der im Frühjahr gebildeten Widerstandsbewegung, mit Hilfe einiger Mitglieder der Oberstdorfer Heimwehr an die ins Allgäu vorgerückten Franzosen übergeben werden.
In den letzten Kriegstagen wurde das Kleinwalsertal vor dem Anrücken der französisch-marokkanischen Truppen von der österreichischen Widerstandsbewegung, dem Heimatschutz, unter Kontrolle gebracht. Diese Männer mit Peter Meusburger an der Spitze waren bewaffnet. Waffen und Munition hatten sie vom Jägerbataillon aus Oberstdorf bekommen: 40 Maschinenpistolen, einige Dutzend Pistolen, Gewehre, Infanteriemunition und 100 Handgranaten. Das Ziel des Heimatschutzes war, in den letzten Kriegstagen das Kleinwalsertal sowohl vor den fanatischen Nationalsozialisten als auch vor den anrückenden kämpfenden Truppen der Alliierten zu schützen und das Tal kampflos zu übergeben. Letztlich konnte diese Übergabe ohne Blutvergießen erreicht werden.
Am 1. Mai 1945 umstellten 30 Männer des Heimatschutzes das provisorisch im Café Seiwald in Riezlern, dem späteren Café Amely, untergebrachte Gemeindeamt. Die zivile Verwaltung wurde an Gedeon Fritz und Peter Meusburger übergeben. Am 2. Mai 1945 erwartete an der Walserschanz eine Delegation des Heimatschutzes mit dem Schild „Here is Austria“ das Eintreffen der amerikanischen Truppen. Überraschenderweise kamen dann aber französische Truppen, deren schwere Panzer wegen zu geringer Breite und Tragfähigkeit der Brücken wieder umkehren und durch leichtere Spähwagen ersetzt wurden. Um 11 Uhr erreichte dann die französische Kolonne das Gemeindeamt im Café Seiwald. Hier erfolgte durch denkommissarisch ernannten Bürgermeister Gedeon Fritz die formelle Übergabe des Walsertales an den französischen Kommandanten General Armoux de Maison Rouge.
Am 4. Mai wurden die rund 30 Ehrengefangenen im Ifen Hotel von den Franzosen befreit. Am gleichen Tag wurde der erstgeborene Sohn Kaiser Wilhelms II., der sogenannte Kronprinz Wilhelm – seit 1941 Chef des Hauses Hohenzollern –, in Baad festgenommen.
An der Walserschanz trafen nun die Alliierten Amerikaner, die das Allgäu besetzt hatten, und die Alliierten Franzosen zusammen. Die Aufteilung führte auch zu wirtschaftlichen und zollproblematischen Schwierigkeiten. Am 10. Mai erfolgte die Einquartierung von 500 Marokkanern der Zweiten Marokkanischen Infanteriedivision als erste stationierte französische Besatzung. Im Haus Steppe, beim heutigen Café Behringer in Mittelberg, wurde für den französischen Gouverneur Capitaine Demossaineau die Ortskommandatur eingerichtet.
Bereits zwei Tage später, am 12. Mai 1945, erschien das „Walser Gemeindeblatt“ – das erste Printmedium in Westösterreich und im süddeutschen Raum nach Kriegsende – als Fortsetzung des „Walser Heimatboten“, der 1938 im Zuge der Gleichschaltung der Presse sein Erscheinen hatte einstellen müssen.
„Panzer erscheinen auf der Straße mitten im Schnee. Die
französische Fahne flattert auf ihren drehbaren Geschütztürmen.
Sie bleiben direkt am Hotel stehen, ein Wagen
kommt bis zu unserer Tür herauf, die Dorfaufseher,
die Gendarmen schließen sich an, Offiziere steigen aus,
darunter ist Oberst Durausoy.“
André François-Poncet, Tagebuch eines Gefangenen, S. 531
Im Mai 1945 trafen weitere hochrangige französische Militärs im Kleinwalsertal ein. Die im Tal anwesenden französischen und marokkanischen Besatzungssoldaten feierten ihren Sieg über das nationalsozialistische Deutschland am 20. Mai 1945 mit einer großen Parade in Anwesenheit von Charles de Gaulle, dem späteren Staatspräsidenten von Frankreich.
Schrittweise normalisierte sich nun das öffentliche Leben. Am 30. Juli 1945 wurde der Postdienst nach Österreich über Schoppernau aufgenommen. Der Schulunterricht begann am 1. Oktober 1945 wieder. Ab dem 21. Oktober 1945 erhielten die Bewohner Kennkarten (Personalausweise) und Grenzübertrittsscheine.

Ein Festakt mit dem Titel „Heimat kehrt zur Heimat wieder …“ markierte am 20. September 1945 die offizielle Rückkehr der Gemeinde Mittelberg zu Österreich. In den ersten Monaten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges prägte die Anwesenheit französischer und marokkanischer Besatzungssoldaten das Bild des Kleinwalsertals. Diese sicherten auch die Grenze an der Walserschanz. Die Bewegungsfreiheit war eingeschränkt und mit Passagierscheinen geregelt. Der Grenzübertritt in die benachbarte US- Zone war nicht immer einfach.
Am Tag des Festaktes am 20. September 1945 fand in der Alten Krone in Mittelberg auch eine Krisensitzung statt. Es trafen sich unter anderem Landeshauptmann Ulrich Ilg, Landesgouverneur Oberst Jung, Vertreter der Bezirkshauptmannschaft, Bürgermeister und Gemeinderäte. Die geografische Lage des Kleinwalsertals mit der französischen Besatzung und der unter amerikanischer Besatzung stehenden Nachbarregion Allgäu führte zu vielen Problemen und bürokratischen Hürden. Geklärt werden musste dringend, für welche Angelegenheiten Sonthofen und wofür Bregenz zuständig ist. Sogar ein Gebietstausch Kleinwalsertal und Jungholz an Deutschland und Balderschwang an Österreich stand zur Debatte. Wie erfolgt der Amts- und Postverkehr? Bei einer Lieferung über das Allgäu wäre die Zensur der Amerikaner zuständig. Welche Gültigkeit hat der Zollanschlussvertrag? Wie erfolgt die Versorgung des Kleinwalsertals mit Lebensmitteln? Kann der Omnibusverkehr zwischen Oberstdorf und dem Tal wieder aufgenommen werden? Ein Kompromiss wurde gefunden: Das Kleinwalsertal liefert Fleisch, Käse und Butter nach Bayern ab, im Gegenzug erfolgt die Lebensmittelversorgung über Sonthofen.
Am 25. November 1945 wurde Bürgermeister Gedeon Fritz in den Vorarlberger Landtag gewählt. Am 1. Dezember 1945 konnte schließlich auch der Postverkehr mit Bayern wieder aufgenommen werden.
In den folgenden Jahren wurde auch das gesellschaftliche und kulturelle Leben wiederbelebt: Im März 1946 fand die 40-Jahr-Feier des Skiclubs Kleinwalsertal statt. Am 1. August 1946 wurde die neue Telefonleitung nach Schoppernau in Betrieb genommen. Einen Vorgeschmack für den Aufbruch in eine neue Zeit gaben die Walser Kulturtage 1946. In einer Ausstellung, die auch wirtschaftliche Perspektiven eröffnen sollte, präsentierten sich Handwerksbetriebe des Tales. Nur kurze Zeit nach der nationalsozialistischen Herrschaft wurde für die Feier bewusst der Titel „950 Jahre Österreich – 650 Jahre Walsertal“ gewählt. Die Grenzkontrollen durch die französischen Soldaten an der Walserschanz endeten im April 1947. Wenige Tage später wurde die Grenze wieder besetzt, nunmehr von österreichischen Soldaten.
Am 1. Oktober 1947 konstituierte sich eine neue Gemeindevertretung, erneut unter Bürgermeister Gedeon Fritz.
Am 15. Dezember 1948 verließ der letzte Soldat der französischen Besatzungsmacht das Kleinwalsertal. Dies bedeutete, dass alle seit Kriegsende beschlagnahmten Hotels und Privatwohnungen wieder für den Tourismus zur Verfügung standen. Dieser wurde durch den erleichterten Grenzübertritt aus Deutschland maßgeblich gefördert und erlebte zu Weihnachten 1948 eine erste, noch zaghafte Blüte. Der Tourismus sollte sich in den kommenden Jahrzehnten ungeahnt weiterentwickeln, vor allem durch das deutsche Wirtschaftswunder der 1950er Jahre gefördert. Nachdem bereits 1940 der erste Skilift im Kleinwalsertal errichtet worden war, setzte nunmehr die Schaffung neuer und moderner touristischer Infrastruktur ein.
Am 25. Dezember 1948 kehrte mit Max Kessler aus der Schwende der letzte Walser Kriegsgefangene aus Jugoslawien zurück. Bürgermeister Gedeon Fritz, der das Tal durch diese schwierige Zeit geführt hatte, verstarb am 18. Juli 1950. Wenige Wochen später, am 18. August 1950, wurde die Passkontrolle an der Walserschanz aufgehoben, womit auch die letzten Spuren der Besatzungszeit verschwanden.
In der Nachkriegszeit erhielt der Zollanschlussvertrag für das Kleinwalsertal erneute Bedeutung. Die Reichsmark wurde mit der Währungsreform am 21. Juni 1948 durch die D-Mark ersetzt. Nach der Währungsreform steigerte sich die Bedeutung des Kleinwalsertals als Bankenplatz abermals, indem viele deutsche Gäste ihren Urlaub mit der Erledigung von Bankgeschäften verbanden.
Aus Anlass des 80-jährigen Jubiläums wurde eine Ausstellung mit dem Thema „Heimat kehrt zur Heimat wieder“ kuratiert und organisiert. Am 20. September 2025 fand auf dem Gemeindeplatz in Riezlern die Eröffnung dieser sehr interessanten Ausstellung statt. Ein herzliches Dankeschön an alle, die daran mitgewirkt haben, besonders an Dr. Thomas Gayda und Gemeindechronist Stefan Heim, an die Fachgruppe Kultur und Brauchtum mit Andrea Kainz und Renate Liebl, an Bettina und Mathias Kessler für die vielen Fotos aus den Karl Max Kessler Archiven. Die Ausstellung konnte im Gemeindeamt Riezlern und im Landhaus Bregenz besichtigt werden.
Die nie gebaute Widdersteinstraße
Kurz nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich schickte das neue Ministerium für Wirtschaft und Arbeit am 11. Juni 1938 einen Bericht an den Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen über eine Fortsetzung der Flexenstraße von Lech über die Auenfelder nach Hochkrumbach und weiter nach Oberstdorf. Die zu planende Verbindung zwischen dem Kleinwalsertal, dem Hochtannberg und Lech wurde als Widdersteinstraße bezeichnet. Die Straße sollte durch das Bärgunt gebaut werden und durch einen zwei Kilometer langen Tunnel unterhalb des Hochtannbergpasses wieder an das Tageslicht führen. Die ersten Baubaracken trafen bereits am 28. August 1939 beim Bauhof in Kempten ein. Einige Tage später, am 1.September 1939, begann der Zweite Weltkrieg und die Verwirklichung der Widdersteinstraße kam nicht mehr in Betracht. Nach dem Krieg kam das Thema Straßenverbindung wieder auf den Tisch. Am 3. Oktober 1945 legte der Vorarlberger Landesbaudienst einen technischen Bericht zur Straßenverbindung Bregenzerwald–Kleinwalsertal vor. Es wurden zwei Wahltrassen vorgeschlagen. Eine von Hochkrumbach mit einem zwei Kilometer langen Tunnel über den Hochalppass durch das Bärgunttal, die zweite Variante führte von Sibratsgfäll durch das Hirschgundtal über deutsches Reichsgebiet ins Kleinwalsertal. Wobei hier die Franzosen in einem Geheimprotokoll vermerkten, dass für diesen Fall noch Gebiete annektiert werden müssten, da das Rohrmoostal zur US-Besatzungsmacht gehört. Die Pläne verschwanden dann aber wieder in der Schublade.
Jodok Müller, Riezlern
Quellen:
Ausstellung „Heimat kehrt zur Heimat wieder“ 2025
Gemeindearchiv Mittelberg
Karl Max Kessler Archive