Vorarlberger Walservereinigung

Vorarlberger Walservereinigung

in Vorarlberg, Tirol und Liechtenstein

Vom Pfarrhaus zum Triesenberger Rathaus

Kategorien: Online-Artikel
Walserheimat: WH95

Das Triesenberger Rathaus ist ein geschichtsträchtiges Gebäude im Dorfmittelpunkt und prägt als markanter Bau in harmonischer Einheit mit der Pfarrkirche das Dorfbild. Das Haus wurde 1767/68 als Pfarrhaus erbaut und hat nach dem Neubau des Pfarrhauses im Jahr 1965 nordöstlich des Friedhofs verschiedene Umnutzungen erfahren. Bis 2011 war dort die Gemeindeverwaltung untergebracht. Mit dem Umzug der Verwaltung ins neu erstellte Gebäude erfuhr es weitere Zweckbestimmungen. Der Gemeinderat tagt weiterhin im altehrwürdigen und denkmalgeschützten Gebäude mit dem unverwechselbaren Ambiente. Das Rathaus wird somit auch zukünftig ein Rathaus bleiben und damit seinen Namen rechtfertigen.

Bedeutendes Haus mit reichhaltiger Geschichte

Die historische, aber auch die kunstgeschichtliche Bedeutung eines der ältesten Baudenkmäler der Gemeinde Triesenberg stösst über die Landesgrenzen Liechtensteins hinaus auf Interesse, zumal der Baumeister ein Vorarlberger war. Die Geschichte des Rathauses ist eng mit jener der Pfarrkirche verflochten. Gleichzeitig mit der Pfarrkirche wurde das Gebäude 1767/68 am Nordrand des Kirchplatzes als erstes Pfarrhaus errichtet. Bis die Pfarreigründung zustande kam und die Kirche und das Pfarrhaus am heutigen Standort gebaut werden konnten, war es ein beschwerlicher Weg und es musste viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Das Zustandekommen der eigenen Pfarrei ist in hohem Masse dem Einsatz des damaligen Ortsrichters Johannes Danner (1700-1779) zu verdanken. Er verstand es, die Notwendigkeit einer eigenen Pfarrei zu begründen und fand in Dekan und Pfarrer Nikolaus Peller von Schaan einen überzeugten Fürsprecher. Die Gründe sind in einem Schreiben an den bischöflichen Kanzler vom 16. Mai 1767 aufgeführt. So sei der Weg zu den Pfarrkirchen Triesen und Schaan im Winter oft lebensgefährlich. Die Gottesdienste können so nur selten oder gar nicht besucht werden. Auch die christliche Unterweisung der Jugend erleide Nachteile. Die Kranken müssten oft ohne die heiligen Sakramente sterben.

S.D. Fürst Joseph Wenzel als hochherziger Stifter

Dekan Peller bat den damaligen Landvogt Grillot um seine hilfreiche Hand zur Errichtung einer neuen Pfarrei am Triesenberg. Dieser sandte an S.D. Fürst Joseph Wenzel ein Empfehlungsschreiben, „das Höchstselber nit nur die Errichtung einer neuen Pfarr guetheissen, sondern auch durch eine hinlängliche Stiftung die Unterhaltung ihres zukünftigen Seelsorgers anzuschaffen gnädigst gewähren wollen“. Fürst Joseph Wenzel trat auf das Gesuch ein und zeigte sich als hochherziger Stifter der Pfarrpfründe, indem er nicht nur die Kosten für den Bau der Kirche und des Pfarrhauses übernahm, sondern auch noch eine Stiftung von 7.000 fl. (siebentausend Gulden Rheinisch) zur Entlohnung des Seelsorgers errichtete. Die Details sind im Stiftbrief vom 7. Dezember 1768 festgehalten.

„Von Gott und den Menschen geliebt“

Bemerkenswert ist, dass sich Ortsrichter Danner auch für den heutigen Standort von Kirche und Pfarrhaus einsetzte. Die einen wollten den Standort im Haberacher-Steinort, die anderen auf Jonaboda Üenaboda festlegen. Obwohl Danner, der in der Lavadina wohnte, den kürzeren Kirchweg gehabt hätte, setzte er sich selbstlos für den heutigen Dorfmittelpunkt ein. Eine weitsichtige Entscheidung! Pfarrer Stefan Wohlwend, erster Seelsorger am Triesenberg, bezeichnet den rührigen Ortsrichter (Vorsteher) als den grössten Förderer der neu erbauten Pfarrkirche und im Sterbebuch (Liber Mortuorum) steht noch eine besondere Auszeichnung: Richter Danner war ein Mann, der bei Gott und den Menschen geliebt war (Vir dilectus Deo et hominibus). Im Walsermuseum steht eine Stabelle, die sich durch Generationen als Danner-Stuhl vererbt hat und an den grossen Triesenberger erinnert.

Berühmter Planer

Als Planer der ersten Kirche und des Pfarrhauses fungierte der Bregenzerwälder Barockbaumeister Peter Bein aus Hittisau (1736-1818). In der Rentamtsrechnung vom 11. Februar 1769 ist eine Zahlung an Peter Bein bestätigt: „dem Maurermeister Peter Bein vor sammentliche Mauerer-, Stockhator-Arbeit lauth Contract 1730 fl (Gulden)“. In den Rentamtsrechnungen sind verschiedene Zimmermanns- und Schreinerarbeiten, die Anfertigung von Lärchenschindeln und die Arbeiten der Nagler, Schlosser, Schmiede und Glaser erwähnt. Gerber Joseph Amann lieferte insgesamt 176 Pfund Haar, das dem Mörtel zur Verbesserung der Stabilität beigemischt wurde.

Der berühmte Baumeister fügt sich in eine ganze Reihe von wandernden Baumeistern, Maurern und Stuckateuren von grossem Können ein, die der Bregenzerwald hervorgebracht hat. Weitere Werke von Peter Bein sind unter anderem die Schule und Synagoge in Hohenems, die St Nikolauskirche und das Rathaus in Frauenfeld und das Mesnerhaus in Oberkirch. 1792 zog Peter Bein nach Frauenfeld. Er spielte auch im öffentlichen Leben als Landrichter im Thurgau eine bemerkenswerte Rolle.

Der Bau, seine Funktion und seine kunsthistorische Bedeutung

Der Kunsthistoriker Erwin Pöschel beschreibt das alte Pfarrhaus als gut proportionierten kubischen Bau von zwei Geschossen mit Mansardendach, am Nordrand des Kirchplatzes gelegen. Von den Ausstattungsstücken erwähnt er den originellen Wandschrank mit geschraubten Halbsäulen und Valutenbekrönung und die Füllungen mit weissen Rokokomotiven auf dunkelblauem Grund bemalt, um 1700. Der kostbare Einbauschrank kann heute im Walsermuseum betrachtet werden. Architekt Hans Rheinberger, der den nachfolgend beschriebenen Umbau von 1968 realisiert hat, charakterisiert das alte Pfarrhaus als eines jener wenigen noch erhaltenen und erhaltungswürdigen alten Häuser, an welchen unser Land so arm ist.

Fünfzehn Pfarrherren wohnten von 1768 bis 1965 in diesem Haus. Der erste Bewohner war Pfarrer Stephan Wohlwend von Bendern (Pfarrer am Triesenberg von 1768 bis 1785), der letzte Pfarrer Engelbert Bucher (Pfarrer von 1943 bis 1979). Pfarrer Bucher durfte als erster Pfarrer am 15. Juni 1965 ins neu erbaute Pfarrhaus beim Hag einziehen.

Umbauten 1968, 1982 und 2011

Es ist heute unverständlich, dass es bereits ab dem Jahr 1959 Bestrebungen gab, das 1951 unter Denkmalschutz gestellte Gebäude abzubrechen. Zum Glück setzte sich die Denkmalschutzkommission für den Erhalt durch. Nach dem Umzug des Pfarrers ins neue Pfarrhaus beherbergte das Haus vom 14. Februar 1966 bis 27. November 1967 noch eine Filiale der Zahnfabrik Ivoclar. Die Idee zum Umbau in ein Verwaltungsgebäude, dem der Name Rathaus zugesprochen werden sollte, setzte sich durch. Das Architekturbüro Hans Rheinberger wurde mit dem Sanierungs- und Umbauauftrag betraut. Kanalisation, Dachdecker-, Spengler- und Gipserarbeiten, Installationen, Boden- und Wandbeläge, Malerarbeiten etc. mussten neu ausgeführt werden. Die Baukosten entsprachen mit 264.000,– Franken fast einem Neubau derselben Grösse. Dem Geschick des Architekten ist es zu verdanken, dass durch gekonnte Materialwahl sehr zweckmässige und ansprechende Räume geschaffen wurden. Im Obergeschoss wurde eine Wohnung eingerichtet. So war die Freude für die damals wenigen Gemeindeangestellten aber auch für die ganze Gemeinde gross, als am 17. November 1968 das Rathaus eingeweiht werden konnte. Dass der Vorsteher und der Kassier früher ihr Büro bei sich zu Hause hatten, ist heute kaum mehr vorstellbar.

1981/82 wurde unter Federführung des Architekturbüros Eberle + Frick AG, welches das Architekturbüro des verstorbenen Hans Rheinberger übernommen hatte, ein weiterer Umbau vorgenommen. Nach dem Umzug der Gemeindeverwaltung ins neue Gebäude wurde das Haus 2011 ein weiteres Mal renoviert.

Das Theodul-Mosaik

Das künstlerische Schmuckstück am Rathaus ist der glockentragende Teufel, das Motiv aus der Theodul-Legende. Es ist eine Mosaikarbeit von Prof. Josef Seger aus Mödling b. Wien, der mehrere Mosaikarbeiten in Liechtenstein, darunter auch das Sennen-Ave in der Malbunkapelle, realisiert hat. Ein interessanter Fund ist der erste Entwurf des Künstlers, der nicht nur den Teufel mit er Glocke, sondern auch den Heiligen mit Stab und in segnender Haltung darstellt. In einem undatierten Schreiben (ca. Anfang 1969) an Architekt Rheinberger befürchtet der Künstler, die Teufelsfigur allein lasse zu viele Anspielungen zu. Es sei in der Legende tröstlich zu sehen, wie das Böse gezwungen werde, dem Guten zu dienen. Aber weil es in Wirklichkeit nicht immer so sei, sollte man es mit dem Heiligen darstellen, es könnte ja so sein. Warum schliesslich die reduzierte Darstellung gewählt wurde, ist nicht bekannt. Ausgeführt wurde das Mosaik von der Firma Hermann Bauch in Wien.

Der neue Verwendungszweck: Rathaus soll Rathaus bleiben

Mehr als vier Jahrzehnte sind mittlerweile seit dem Umbau vom Pfarrhaus zum Rathaus vergangen. Den heutigen räumlichen Anforderungen an eine moderne und zweckmässige Gemeindeverwaltung war das Haus seit langem nicht mehr gewachsen. Das altehrwürdige Gebäude, einstiges Pfarrhaus, Rathaus und Verwaltungsgebäude bis 2011 soll auch weiterhin das Rathaus bleiben: ein Ort der Kommunikation und der Begegnung, wo Gemeinderätinnen und Gemeinderäte tagen und Kommissionen, Genossenschaften und Vereine ihre Sitzungen abhalten, der Abwart sein neues Büro bezogen hat und wo im ersten Stock eine neue Bibliothek und das Zentrum der Ahnenforschung und Familienchronik entstanden ist. Als mit Leben erfüllte Kultureinrichtung der Gemeinde wird das Haus in Zukunft eine wichtige Aufgabe erfüllen.

Josef Eberle, Triesenberg

Dieser Artikel ist in Heft 95 der “Walserheimat” zu finden.