Vorarlberger Walservereinigung

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in Vorarlberg, Tirol und Liechtenstein

Die Estavelle, ein verborgenes Naturwunder im Kleinen Walsertal

Kategorien: Online-Artikel
Walserheimat: WH74

VON DR. NICO GOLDSCHEIDER

Was sind die größten Naturwunder des Kleinen Walsertales? Viele denken hier wohl zuerst an die Breitachklamm, das Hölloch oder den Gottesacker. Ein weiteres Naturwunder versteckt sich jedoch in den Schluchten des Schwarzwasserbachs und ist selbst vielen Einheimischen unbekannt, obwohl der Naturlehrpfad in nur etwa 30 m Entfernung daran vorbei führt. Die Rede ist von der Schwarzwasserhöhle (Lage siehe Abb. 1). Diese befindet sich im schluchtartigen Mittellauf des Schwarzwasserbachs, etwa 750 m talaufwärts der Park- und Sportplätze und 250 m talabwärts eines markanten, schönen Wasserfalls.

Nun, Höhlen gibt es viele im Gebiet Hochifen und Gottesacker: Man denke nur an das Hölloch im Mahdtal mit mittlerweile 5 km vermessener Ganglänge oder an das Schneckenloch bei Schönenbach. All diese Höhlen sind im Schrattenkalk entwickelt, einem etwa 100 Millionen Jahre alten Kalkstein aus der Kreidezeit, der die gesamte Oberfläche des Gottesackers und die Gipfelplatte des Hohen Ifen aufbaut. Auch die Schluchten und Wasserfälle im Schwarzwassertal und unsere Höhle verlaufen im Schrattenkalk.

Was aber ist so besonders an der Schwarzwasserhöhle? Wer im Sommer oder Herbst nach einigen regenarmen Tagen den Naturlehrpfad talwärts wandert, der hört aus den Tiefen der Schlucht das Rauschen des Baches. Doch plötzlich wird es still. Durchs Gebüsch kann man hier in die Schlucht hinabsteigen, gelangt so zu unserer Höhle und erkennt den Grund der plötzlichen Stille: Der Schwarzwasserbach fließt in den Höhleneingang und verschwindet im Untergrund (siehe Abb. 2). Unterhalb der Höhle liegt das Bachbett trocken und erst einen Kilometer talabwärts führt der Schwarzwasserbach wieder Wasser, welches aus der nahegelegenen Aubachquelle zufließt. Im Winter und bei langer Trockenheit fällt der Schwarzwasserbach sogar fast vollständig trocken und auch die Aubachquelle versiegt. Erst in der tiefen Schlucht unterhalb der Vereinigung der trockenen Bachbetten von Schwarzwasserbach und Aubach fließt dann im Bachbett wieder etwas Wasser, das aus zwei kleinen versteckten Quellen austritt.

Nach starken Regenfällen verändert sich dieses Bild jedoch im Laufe einiger Stunden bis weniger Tage dramatisch: Zunächst nimmt der Abfluss im Bach stark zu. Trotzdem kann er noch vollständig in der Höhle versinken. Der Wasserspiegel im Untergrund steigt langsam an, bis sich vor dem Höhleneingang ein Wasserbecken bildet. Irgendwann läuft dieses Becken über; dann versinkt nur noch ein Teil des Bachwassers in der Höhle, der andere Teil fließt oberirdisch ab. Ab einer bestimmten Wassermenge kann die Höhle kein Wasser mehr schlucken. Sie ist dann vollständig geflutet, nicht mehr sichtbar und der Bach fließt einfach über sie hinweg. Zuletzt passiert etwas Bemerkenswertes: Aus dem Höhleneingang quillt Wasser aus dem Untergrund hervor und vermischt sich mit dem Wasser des Schwarzwasserbachs – die Höhle ist zur Quelle geworden (siehe Abb. 3). Einige Tage nach dem Abklingen der Regenfälle kehren sich die Verhältnisse meist wieder um; während der Schneeschmelze kann die Höhle jedoch viele Wochen lang überflutet sein.

 

 

Die Schwarzwasserhöhle kann also in Abhängigkeit von der Wasserführung entweder als Schwinde oder als Quelle wirken. Eine solche Erscheinung nennt man Estavelle. Estavellen kommen fast nur in Karstlandschaften vor, also in Gebieten, die – wie Hochifen, Gottesacker und Schwarzwassertal – aus Kalkstein aufgebaut werden und in denen es Höhlen gibt. Im Dinarischen Karst in Kroatien gibt es einige Estavellen, auch in der Schwäbischen und Fränkischen Alb sind einzelne bekannt. In den Alpen besitzen sie jedoch Seltenheitswert. Außer einer relativ kleinen und unbedeutenden im Bregenzerwald ist mir keine weitere bekannt. Die Schwarzwasserhöhle ist also vermutlich die größte und schönste Estavelle der Alpen.

Der vollständige Artikel ist in Heft 74 der “Walserheimat” zu finden.