Vorarlberger Walservereinigung

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in Vorarlberg, Tirol und Liechtenstein

Der Erste Weltkrieg in Galtür

Kategorien: Geschichte und Online-Artikel
Walserheimat: WH97

Erich Lorenz (1923-1996), Gastwirt vom Hotel Alpenrose, Landwirt und Chronist der Gemeinde Galtür, hat bis zu seinem Lebensende eine sehr ausführliche Chronik geführt. In zwei Büchern hat er auf jeweils zirka 800 Seiten handschriftlich die Chronik von Galtür geschrieben. Auf Basis verschiedener mündlicher Berichte schrieb er auch über den Ersten Weltkrieg in Galtür. Der folgende Bericht umfasst die Seiten 499 bis 511 seiner handgeschriebenen Chronik. Als Dank und Anerkennung für seine Leistungen verlieh ihm die Gemeinde Galtür im Jahr 1995 das silberne Ehrenzeichen der Gemeinde.

Der 1. Weltkrieg 1914 – 1918

Am 31. Juli wurde die allgemeine Mobilisierung angeordnet und dies betraf vorerst die Reservisten der Kaiserjäger und Landsturm, Kaiserschützen und übrigen Einheiten. Anfangs wurde gar nur die Elitetruppe einberufen. Die einrückenden Burschen haben vorher noch gemeinsam die hl. Sakramente empfangen.

Pfarrer Larcher schreibt, die Begeisterung war bei den Galtürern nicht wie an anderen Orten. Mein Vater, der auch mit den Ersten auszog, erzählte mir, daß anfangs die Stimmung gut war und glaubten dieses Serbien schnell erledigt zu haben. Der Kampfgeist war allgemein gut und alle Eingerückten bei ihren Einheiten bekundeten die Treue zum Kaiser. Bald zeigte sich aber, was für einen Kreis dieser Mord in Serbien zog.

Für die zurückgebliebenen Mindertauglichen kamen bald Nachmusterungen und diese wiederholten sich laufend. Mit der Zeit waren die betroffenen Jahrgänge zum Großteil eingezogen. Bald kamen auch die ersten Nachrichten über Gefallene und Gefangene, aus Rußland und Serbien und das gab bei der Bevölkerung harte Schläge. Dem Priester oblag von Staatswegen die Aufgabe, die Angehörigen zu verständigen und trösten.

Die Bevölkerung ging überhaupt fleißig zur Kirche und außer den behördlich angeordneten Kriegsandachten wurde noch jeden Monat ein Stundgebet oder Kreuzgang nach Tschafein gehalten. Am 2. Oktobersonntag 1914 wurde sogar eine feierliche Prozession mit der Gnadenmutter der Pfarrkirche nach Tschafein gehalten. Auch wurden immer wieder Sammlungen für Kriegswohlfahrtseinrichtungen angeordnet und durchgeführt, soweit sie die Bevölkerung nicht überforderten.

Schlimmer wurde das zweite Kriegsjahr, als am 19. Mai 1915 Italien den Krieg erklärte. Somit wurden auch die Standschützen einberufen und von 17 bis bald 50 Jahren stand bis auf einige Ausnahmen alles unter den Waffen. In einem Falle dienten der Vater und 2 Söhne, Engelbert Mattle. Auch der Lehrer wurde eingezogen und der Vorsteher. Der Lehrer wurde durch die Lehrerin Elsa Sturm vertreten und die Arbeiten des Vorstehers wurden vom Pfarrer erledigt. Der Mesner wurde verschont. Als er bei der Musterung gefragt wurde, ob die Mutter noch lebe antwortete er: ‘weil i vo Dahama furt bin, hat si no gläbt.’ Und bei der Auskleidung suchte er noch sein schwarzes Hemd. Durch die Einberufung der Standschützen konnten die zurück-gebliebenen Männer und Bevölkerung die Arbeit kaum mehr bewältigen. Alles war deshalb sehr gereizt und leicht erregbar. Mit der italienischen Kriegserklärung kam dann auch eine Grenzschutztruppe mit 15 Mann nach Galtür. Auch am Madlenerhaus und auf Zeinis wurden Posten errichtet. Diese Posten waren sehr unangenehm, denn ohne Ausweis kam man nicht über Gafalar hinaus. Auch verschwand durch diese Posten immer wieder Kleinvieh. Vor dem Verkehr mit diesen Soldaten ließen sich die Mädchen erst mit Erfolg warnen, nachdem eine Kellnerin im Rößle die sichtbaren Folgen an sich trug, berichtet Pfarrer Larcher. Diese Grenzsoldaten wechselten öfter. Die Grenzsoldaten unter dem Kommando des Hauptmanns Andreas Moser (Brockenbauer in Hall), half der Bevölkerung immer bei der Arbeit aus. Hauptm. Moser hatte Zucht und Ordnung unter seinen Leuten und für die Bevölkerung viel Verständnis.

Im dritten Kriegsjahr 1916 hat sich die Versorgung der Bevölkerung mit Mehl und anderen notwendigen Lebensmittel stark verschlechtert. Es wurde versucht im Tauschwege, für Butter und Fleisch Mehl zu bekommen, aber oft wurde die Tauschware von Finanzern, Gendarmen und Grenzmilitär abgenommen. Mit einigem Erfolg, sind auch wieder kleinere Äcker umgehauen und angebaut worden. Dazu half auch die Witterung, die in diesen Kriegsjahren nicht schlecht war. Über Anforderung vom Kriegsministerium, wurde am 30. Sept. 1916 die Elferglocke mit 83 cm Durchmesser und die Größere in Tschafein abgenommen. Sie wogen zusammen 282 kg.

Die Versorgung mit Mehl wurde im Kriegsjahr 1917 immer mangelhafter und zudem mußte die Bevölkerung Butter, Heu und fast 1/3 des Viehbestandes dem Staate abliefern. Viele haben durch die einseitige Ernährung auch gesundheitliche Schäden davongetragen. In den Sommerm. konnte von den Soldaten immer durch Gesuche, die Pfarrer Larcher einreichte, 20 – 25 Mann für die Alpen freigestellt werden. Dies hat auch öfters Neid gegeben, denn die gereizte Bevölkerung der Heimat wollte es nicht verstehen, daß mancher gar nicht freizubekommen war.

Die Soldaten an der Front hielten sich gut, nur schlecht war wie mein Vater erzählte, daß Offiziere der bewährten Tiroler Regim. die infolge ihrer Tapferkeit ausfielen, durch tschechische oder unpassende Führer ersetzt wurden. Ein solcher Offizier habe einmal eschrien: ‘vorwärts ihr Tiroler Schweine!’ Die Folgen solcher Redensarten weiß man. Nun, ich will keine Geschichte schreiben und wer interesse haben sollte, kann sich davon gute Bücher besorgen.

Am 17 August 1917 wurden noch die Zwölferglocke und die Kleine geholt. Man hat sie einfach im Turm zusammengeschlagen und viele hätten geweint, erzählte meine Mutter. Die Glocken wogen zusammen 535 kg. Es waren auch Leute, die die Brocken verstecken wollten, aber damit ist nichts zu verbessern gewesen, höchstens wäre die Zuteilung von Lebensmitteln ganz eingestellt worden. Die Vergütung für die Glocken war eine sehr geringe. Im übrigen erhielten viele Familien ziemliche Unterstützungen für die Eingerückten und so konnten alle Schulden bezahlt werden.

Von den eingerückten Soldaten standen etliche 36 Monate ununterbrochen an der Front, viele sind verwundet worden, oder infolge Krankheit weiter zurückgekommen. Für ihre Tapferkeit sind auch viele ausgezeichnet worden. In den Sommermonaten wurden immer Soldaten aus den Erholungsheimen zugeteilt, die der Bevölkerung bei der Einbringung der Ernte halfen und gute Dienste leisteten.

Der Winter 1917-1918 war ein strenger und am Markustag war bei der Prozession nach Tschafein noch kein Zaun zu sehen. Besonders hart war dieser Winter für die Soldaten an der Südfront. Durch das Eingreifen Amerikas zugunsten der Feinde, verschlimmerte sich die Lage fortwährend, besonders die Ernährung reichte nicht mehr aus.

Der Koloß Rußland war zwar geschlagen und brach innerlich zusammen. Deutsche Geschütze schossen nach Paris und kämpften auch schon an der Südfront, Spitzentruppen der bair. Alpenjäger. Allein die unzureichende Versorgung der Truppe schwächte den Kampfgeist. Die Truppen, der nicht deutschsprachigen, aber zur Monarchie gehörigen Soldaten begannen mit der Meuterei. Sie warfen die Waffen weg, verließen die Front, plünderten, beschlagnahmten Züge und verbreiteten Unruhe im Hinterland. Der Feind hatte so sein Ziel erreicht und den treuen Offizieren blieb nichts anderes, als der Rückzug übrig. Viele gerieten dabei in Gefangenschaft und so kam es im Nov. 1918 zum endgültigen Zusammenbruch.

10 Galtürer sind bei diesem Völkerringen ums Leben gekommen. Einer, Benedikt Lorenz war verheiratet und hinterließ Weib und Kinder. Wie schon bemerkt, sind auch viele Galtürer in Gefangenschaft geraten, wo sie Schweres auszustehen hatten. Der Großteil der Gefangenen, kam erst im Sommer 1919 und der letzte Gefangene Heinrich Salner, kam im August 1921. Dieser war bei der Belagerung von Przemysl in Gefangenschaft geraten und kam als Gefangener nach Turkestan. Josef Ganahl, vulgo Gidis Josef, war auch in Rußland gefangen. Dieser ist beim Zusammenbruch Rußlands geflohen und ist, nachdem er Walserheimat 97/2015 515 halb Rußland durchquert hat unter großen Entbehrungen, glücklich nach Hause gekommen. Dieser Mann, hat mir viel erzählt, was er damals durchgemacht hat. Die Folgen des Zusammenbruchs und die bedingungslose Kapitulation wurden von der Bevölkerung auf keinen Fall richtig erfaßt. Vorerst war alles froh über die Beendigung des Krieges und am meisten freuten sich die Jungen über die Auflösung des Militärs.

Manche schimpften auch über Kaiser Karl und die Erzherzoge. Mein Vater hat mir viel von der damaligen Zeit erzählt und ich kann nur sagen, er ließ über den Kaiser nichts kommen. Wenn sie schon damals 3 ½ Jahre aktiv beim Militär dienen mußten, so war trotzdem ein gewisser Stolz auf die strammen Regimenter der verschiedenen Truppeneinheiten. Seine Feinde waren die Italiener, die ‘Katzelmacher’ oder ‘Tschingalar’ genannt wurden. Auch die Tschechen standen nicht im besten Ruf.

Von der neu gegründeten Republik erhofften sich nun viele mehr Freiheit und manche glaubten, man könne machen was man will. Der Kronen hatte schon viel an Wert verloren infolge des Krieges, aber durch die Wirtschaft der neuen Regierung verlor sie immer mehr an Wert. Viele gingen auch nach Landeck, um sich Militärgüter anzueignen, das die zurückfluteten Soldaten stehen ließen. Dies war aber nicht von großer Bedeutung. Manche haben durch hergebrachte Decken Ausschlagkrankheiten bekommen.

Im Winter 1919 wurden von Hiesigen die Wiesbadnerhütte und das Madlenerhaus ausgeplündert. Die Namen will ich nicht nennen, aber alles kam zur Einsicht, daß Ordnung sein muß. Man gab auch schon zu, daß für die jungen Burschen ein wenig Militär nicht schaden würde, damit sie Disziplin lernen. Mit der Rückkehr der Gefangenen im Sommer 1919, normalisierte sich alles so langsam. Von der italienischen Besatzung verspürte man wenig bei uns. Es kam manchmal eine berittene Patrolle, legte aber niemand etwas in den Weg. Viele gingen auch nach Landeck und haben Lebensmittel bei der Besatzung eingetauscht. Im Herbst waren dann Gemeindewahlen. Bürgermeister wurde Albert Lorenz…“

(Alle Absätze nachträglich eingefügt)

Jodok Müller, Riezlern

Dieser Artikel ist in Heft 97 der “Walserheimat” zu finden.