{"id":12060,"date":"2017-05-11T13:13:52","date_gmt":"2017-05-11T11:13:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/?p=12060"},"modified":"2024-03-02T16:04:29","modified_gmt":"2024-03-02T15:04:29","slug":"ob-die-sage-alt-und-aecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/ob-die-sage-alt-und-aecht\/","title":{"rendered":"\u201eOb die Sage alt und \u00e4cht\u201c"},"content":{"rendered":"<h3><!--\n-------------------------------------------------------------------------------\nWH 98, Februar 2015, \"Ob die Sage alt und \u00e4cht\"\n-------------------------------------------------------------------------------\n-->Historische Anmerkungen zum Walserbewusstsein<\/h3>\n<p><i>Festrede von Dr. Ulrich Nachbaur beim <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/events\/event\/festakt-700-jahre-walser-in-vorarlberg\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Festakt \u201e700 Jahre Walser in Vorarlberg 1313 \u2013 2013\u201c<\/a> der Vorarlberger Walservereinigung am 9. Juni 2013 im Gemeindesaal Dam\u00fcls<\/i><\/p>\n<figure id=\"attachment_12055\" aria-describedby=\"caption-attachment-12055\" style=\"width: 255px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/dr-nachbaur\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12055\" src=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/dr-nachbaur-255x300.jpg\" alt=\"\" width=\"255\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/dr-nachbaur-255x300.jpg 255w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/dr-nachbaur-768x903.jpg 768w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/dr-nachbaur-871x1024.jpg 871w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/dr-nachbaur-128x150.jpg 128w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/dr-nachbaur-600x705.jpg 600w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/dr-nachbaur.jpg 984w\" sizes=\"auto, (max-width: 255px) 100vw, 255px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-12055\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Ulrich Nachbaur beim Festvortrag 2013 in Dam\u00fcls.<br \/>\nFoto: Jodok M\u00fcller<\/figcaption><\/figure>\n<p>1843 ver\u00f6ffentlichte der M\u00fcnchner Schriftsteller Ludwig Steub in der Augsburger \u201eAllgemeinen Zeitung\u201c einen Beitrag \u00fcber \u201eDie Walser im Vorarlberg\u201c. Steub schildert seine sonnt\u00e4gliche Ankunft in <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/damuels\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Dam\u00fcls<\/a>, die jungen Frauen in kuriosem Festgewand und die Bauern, die mit ihren K\u00f6pfen alle Fenster des kleinen Wirtshauses einrahmten, als sie den unbekannten Pilger kommen sahen: \u201eSie staunten alle, aber sie sprachen nicht\u201c.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es war die Zeit, als das romantisch beseelte Bildungsb\u00fcrgertum ausschw\u00e4rmte, um unverf\u00e4lschte \u201eedle Wilde\u201c zu dokumentieren, ihre Sprache, ihre Br\u00e4uche, ihre Sagen. Und scheinbar unbedarfte Eingeborene hatten in den Fremden bereits ein folkloristisches Gesch\u00e4ftsmodell erkannt. Steub jedenfalls begegnete den Walsern mit Skepsis:<\/p>\n<p>\u201eEs ist auch eine in diesen Th\u00e4lern verbreitete Meinung,\u201c schrieb er, \u201eda\u00df man allzusammt vor langen Zeiten aus der Schweiz gekommen sey, wobei es denn freilich auf eine n\u00e4here Untersuchung ank\u00e4me, ob diese Sage alt und \u00e4cht, oder wie manche andere, an welchen unbefangene Touristen einen Fund gemacht zu haben glauben, erst durch Geistliche und Schullehrer unter die Leute gebracht worden sey.&#8220;<\/p>\n<p>\u201eOb diese Sage alt und \u00e4cht&#8220; &#8211; das, meine Damen und Herren, ist die Frage, die sich 170 Jahre sp\u00e4ter vielf\u00e4ltig aufs Neue stellt, der sich Historiker immer wieder stellen m\u00fcssen, und das kann auch schmerzhaft sein. Als Kinder verbrachten wir unsere Ferien bevorzugt in unserem alten Ammannhaus in <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/fontanella\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Fontanella<\/a>, wo mich die Bilder von den \u201efreien Walsern\u201c fesselten und pr\u00e4gten, die uns Luise Jehly um 1970 im \u201eEdelwei\u00df\u201c in Fontanella und im \u201eKreuz\u201c in Buchboden an die Wand und bei uns im \u201eKreyerh\u00fcsli\u201c an die Stubendecke malte. Heute, nach z\u00e4hen Forschungen zum Gericht Dam\u00fcls, zur Walsersymbolik, zum heiligen Theodul, muss ich mir eingestehen, dass wohl viele der \u201eSagen\u201c nicht wirklich alt und etliche nicht wirklich echt sind.<\/p>\n<p>Die einzigartigen, freiheitsgetriebenen, wehrhaften, gottesf\u00fcrchtigen, raumgreifenden, blondblau\u00e4ugigen Kolonisatoren, das Bild, das erst mit einer Landnahme durch die Walser Zivilisation in unseren Bergen Einzug hielt, selbstbestimmt und demokratisch \u2013 dieses Bild beruht weitgehend auf einem Mythos, der vom 19. zum 20. Jahrhundert gepr\u00e4gt wurde von ehrenhaften Historikern, Volkskundlern, Sprachwissenschaftlern und Anthropologen, Heimatforschern, Geistlichen und Lehrern, Reisef\u00fchrern, Touristikern und Journalisten, Heraldikern, K\u00fcnstlern und auch Literaten \u2013 denken wir nur an Adalbert Weltes eindr\u00fccklichen Roman \u201eDie gro\u00dfe Flucht\u201c (1939). Ein Mythos, der sp\u00e4testens mit der Gr\u00fcndung einer \u201eVorarlberger Walservereinigung\u201c von Walserinnen und Walsern, die regional immer weiter ausuferten, allm\u00e4hlich verinnerlicht und zur Gewissheit verdichtet wurde, zu einer Wahrheit, ja zu <i>der<\/i> Wahrheit.<\/p>\n<p>Bitte, erschlagen Sie mich erst sp\u00e4ter. Denn ich sage Ihnen das nicht aus Trotz oder \u00dcberheblichkeit, sondern aus Respekt und Zuneigung.<\/p>\n<p>Wenn wir heute gemeinsam \u201e700 Jahre Walser in Vorarlberg\u201c feiern, dann hat das mehr mit soziologischen als mit historischen Ph\u00e4nomenen zu tun, weniger mit zwei 1313 ausgestellten Urkunden, als mit Fragen der Identit\u00e4t, mit einem Selbstbewusstsein und Gemeinschaftsgef\u00fchl, das im 19. Jahrhundert mit der Erkenntnis unterf\u00fcttert oder der Meinung geweckt wurde, \u201eda\u00df man allzusammt vor langen Zeiten aus der Schweiz gekommen sey.\u201c<\/p>\n<p>In einem lesenswerten Aufsatz \u00fcber Walserforschung und \u201eWalserbewusstsein\u201c in Graub\u00fcnden verwies Georg J\u00e4ger auf den ber\u00fchmten Soziologen Max Weber. Tats\u00e4chlich liest sich das Kapitel \u201eEntstehung ethnischen Gemeinsamkeitsglaubens\u201c in Webers Werk \u201eWirtschaft und Gesellschaft\u201c (1922) wie auf das \u201eWalsertum\u201c zugeschnitten. Der Kernsatz lautet gek\u00fcrzt:<\/p>\n<p>\u201eWir wollen solche Menschengruppen, welche auf Grund von \u00c4hnlichkeiten des \u00e4u\u00dferen Habitus oder der Sitten oder beider oder von Erinnerungen an Kolonisation und Wanderung einen subjektiven Glauben an eine Abstammungsgemeinschaft hegen, [\u2026] \u201aethnische\u2019 Gruppen nennen, ganz einerlei, ob eine Blutsgemeinschaft objektiv vorliegt oder nicht.\u201c<\/p>\n<p>Die \u201eWalser\u201c, eine ethnische Gruppe, die den Glauben an eine Abstammungsgemeinschaft hegt. Aber seit wann? Ununterbrochen? Und wo \u00fcberall?<\/p>\n<p>F\u00fcr Graub\u00fcnden interessierte sich Georg J\u00e4ger, \u201ewie lange und wo die Herkunft und die Sprache eine Rolle spielten f\u00fcr das eigene Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, das heisst f\u00fcr das Wissen oder Meinen um die Herkunft bei den Nachkommen der Einwanderer des 13.\/14. Jahrhunderts.\u201c 6 F\u00fcndig wurde er nur beim Engadiner Ulrich Campell, der in seiner ab 1570 verfassten Landeskunde die Rheinwalder und Davoser sprachlich als \u201eLepontier\u201c bezeichnete. Die Churer Rheintaler hie\u00dfen die Davoser \u201eValliser\u201c oder \u201eValser\u201c, die in der barbarischen \u201eWalliser Sprach\u201c redeten. Die Davoser selbst glaubten, ihre Herkunft gehe auf die Viberer im Oberwallis zur\u00fcck. Es folgt eine Sage \u00fcber die Ansiedlung und die Erw\u00e4hnung des Lehensbriefs von 1289.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Zeit nach Campell fehlten, so J\u00e4ger, f\u00fcr Graub\u00fcnden eindeutige Zeugnisse einer m\u00fcndlichen \u00dcberlieferung. Die \u201eBibelfesten\u201c unter Ihnen werden jetzt innerlich aufbegehren und auf Paul Zinsli verweisen, der in seinem Standardwerk \u201eWalser Volkstum\u201c (1968) als Beleg f\u00fcr eine \u201eweiterdauernde konfessionelle Verbundenheit mit dem Rhonetal\u201c ins Treffen f\u00fchrte, dass die Gemeinde Obersaxen im B\u00fcndner Oberland sogar noch 1730 die Tage von St. Joder und St. Anton \u201eausdr\u00fccklich in Erinnerung an die Altvorderen aus dem Wallis\u201c zu Feiertagen erkl\u00e4rt habe.8 Allein diese \u201eSage\u201c ist nicht wirklich echt. Zinsli berief sich auf Historiker, die sich auf einen irref\u00fchrenden Auszug aus dem Landbuch von Obersaxen verlassen hatten, anstatt das Original einzusehen. Und dann noch Karl Ilgs fl\u00fcchtige Behauptung, in Vorarlberg sei bis ins 18. Jahrhundert die Wallfahrt zum heiligen Theodul nach Sitten lebendig geblieben: Wer mir daf\u00fcr Belege bringt, dem schenke ich eine Fahrkarte ins Wallis.<\/p>\n<p>Der Name \u201eWalser\u201c sei nur noch in den T\u00e4lern an der Breitach und an der Lutz zu Hause, berichtete Steub 1843, zudem auf Dam\u00fcls, \u201eobgleich es auch noch in Erinnerung der Landleute geblieben, da\u00df die Bauern welche im Thale von <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/laterns\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Laterns<\/a> und auf dem <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/duenserberg\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">D\u00fcnserberge<\/a> bei Feldkirch wohnen, des gleichen Stammes sind.\u201c9 Aus einem Friedensvertrag von 1408 waren zudem Walliser im Montafon und auf <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/galtuer\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Galt\u00fcr<\/a> bekannt. <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/brand\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Brand<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/ebnit\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Ebnit<\/a> sollten erst sp\u00e4ter f\u00fcr die Walser entdeckt werden. \u00dcber die Tannberger berichtete Bergmann, dass sie \u201esich selbst weder Walser nennen, noch von Andern so genannt werden\u201c, sich aber dennoch bewusst seien, \u201eda\u00df sie keine Urbewohner, sondern Einwanderer sind.\u201c Dabei verdanken wir die \u00e4lteste bekannte Nachricht \u00fcber eine Herkunft aus dem Wallis gerade einem Tannberger Ammann, der 1492 zu Protokoll gab, \u201e<i>das die armen lewt zu Mittelberg mitsambt denen von Tennenberg von Wallas khomen und frey lewt seyen.<\/i>\u201c<\/p>\n<p>Auf eine erstaunliche \u201eWalser aus Wallis\u201c-\u00dcberlieferung bin ich im Raum Rankweil-Laterns gesto\u00dfen: Der Rankweiler Johannes H\u00e4usle berichtet in seiner Chronik von 1758, Laterns, Dam\u00fcls und \u201eValentschinen\u201c seien mit Erlaubnis der Grafen von Montfort mit Leuten besetzt worden, \u201e<i>so von Wahlis geb\u00fcrtig<\/i>\u201c, und w\u00fcrden deshalb \u201e<i>Walser<\/i>\u201c genannt. Dieses Spezialwissen mag daher r\u00fchren, dass die benachbarten Laternser mit ihrem Pfarrer jahrelang \u00fcber eine Messverpflichtung aus Zeiten der Pfarrgr\u00fcndung stritten. Eine 1682 angelegte Pfarrchronik gab Auskunft dar\u00fcber, dass die ersten Einwohner von Laterns \u201e<i>Walli\u00dfer, oder aus Walli\u00dflandt geb\u00fcrthig<\/i>\u201c waren, weshalb die hiesigen Leute und aus demselben Grund die auf und um <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/raggal\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Raggal<\/a> \u201e<i>gemayniklich die Walser genannt werden.<\/i>\u201c13 1764 schrieb der Pfarrer an seinen Bischof, dass die ersten Einwohner, \u201e<i>welche aus dem Walliser Landt dahin kommen,<\/i>\u201c um 1313 eine Kapelle erbaut h\u00e4tten. Die Gemeinde verwies 1775 darauf, dass das umstrittene Pfr\u00fcndb\u00fcchlein keine Besonderheit der Pfarre Laterns sei, \u201e<i>sondern gemein mit den \u00fcbrigen Walserpfarreyen Sontag und Raggal, welche mit Laterns einerley Ursprung und heilige Patronen haben.<\/i>\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_12057\" aria-describedby=\"caption-attachment-12057\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/laterns-karte\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12057\" src=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/laterns-karte-300x195.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"195\" srcset=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/laterns-karte-300x195.jpg 300w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/laterns-karte-768x499.jpg 768w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/laterns-karte-1024x665.jpg 1024w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/laterns-karte-150x97.jpg 150w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/laterns-karte.jpg 1605w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-12057\" class=\"wp-caption-text\">Postkarte vom Luftkurort Laterns gegen den Walserkamm um 1911.<br \/>\nQuelle: Vorarlberger Landesarchiv, Bregenz<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Walserbewusstsein der Laternser beschr\u00e4nkte sich also auf Laterns, <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/sonntag\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Sonntag<\/a> und Raggal. Nicht einmal das benachbarte Gericht <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/damuels\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Dam\u00fcls<\/a> mit den Pfarren Dam\u00fcls und Fontanella z\u00e4hlten sie dazu, nicht die Nachbarn in der Herrschaft <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/st-gerold\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">St. Gerold<\/a>. Bezeichnend ist, dass das \u201e<i>WALLSERTHAL<\/i>\u201c, das in der ersten Landeskarte von 1783 ausgewiesen wurde, nach dem geographischen Verst\u00e4ndnis bis ins 19. Jahrhundert hinein auf die Blumenegger Pfarren Sonntag, Buchboden und Raggal beschr\u00e4nkt blieb.<\/p>\n<p>\u201eT\u00e4ler\u201c spielten begrifflich allgemein noch kaum eine Rolle, Walser finden wir am <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/mittelberg\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Mittelberg<\/a>, am Tannberg, im Silberberg. Auf begangenen Passlandschaften, nicht in Gebirgsein\u00f6den. Vor 700 Jahren wurden Walser in Laterns und Dam\u00fcls nicht mit alpinen Urw\u00e4ldern um Furka und Faschina belehnt, sondern mit G\u00fctern und Alpen, die bereits erschlossen waren. Noch lie\u00df das Klima selbst Getreidebau auf 1.600 Meter Seeh\u00f6he zu. Vom Tannberg wissen wir dank pal\u00e4obotanischer Untersuchungen, dass dort schon seit \u00fcber 2.000 Jahren Ackerbau betrieben wurde, bevor sich Walser blicken lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Doch stammten die Walser nicht selbst von einer urspr\u00fcnglich r\u00e4toromanischen Bev\u00f6lkerung ab? \u2013 Zu Beginn des 19. Jahrhunderts dominierte die vom St. Galler Geschichtsschreiber Ildefons von Arx vertretene Meinung, der Begriff \u201eWalser\u201c verweise wie \u201eWalgau\u201c oder \u201eWalensee\u201c auf Walsche, die Walser seien also eine Art Restromanen. Steub konnte das mit Hinweis auf Bergmann entkr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Der Hittisauer Josef Bergmann war Kustos am k. k. M\u00fcnz- und Antikenkabinett in Wien und kann als Begr\u00fcnder einer wissenschaftlichen Landes- wie auch der Walsergeschichtsschreibung gelten. 1844 sollte Bergmann mit \u201eUntersuchungen \u00fcber die freyen Walliser oder Walser in Graub\u00fcnden und Vorarlberg\u201c die erste Studie \u00fcberhaupt vorlegen, die speziell der \u201eWalserfrage\u201c gewidmet war. Die Angabe \u00e4lterer Geschichtsschreiber \u00fcber eine Einwanderung aus dem Wallis war Bergmann \u201elange sehr befremdend\u201c gewesen.17 Doch 1837 hatte er ein Erweckungserlebnis beim Kapellfest in St. Gerold, als er das Gespr\u00e4ch bei der vorwiegend geistlichen Tafelrunde auf die Walser lenkte, auch welche Heilige sie denn so verehrten. Als er die Auskunft erhielt, fr\u00fcher sei besonders der heilige Theodul verehrt worden, da fiel beim Numismatiker Bergmann der Groschen. Den Bischof mit dem glockenschleppenden Teufel kannte er von alten Walliser M\u00fcnzen. So wurde der heilige Theodul f\u00fcr Bergmann zum Kronzeugen f\u00fcr die Herkunft aus dem Wallis und in Bergmanns Fu\u00dfstapfen verdichtete sich die \u00dcberzeugung zur Plattit\u00fcde, dass die Walser aus der Walliser Heimat \u201eihren\u201c heiligen Theodul mitgenommen h\u00e4tten und der Bischof hierzulande nur von den Walsern und von allen Walsern verehrt worden sei.<\/p>\n<p>Ich kann Ihnen so viel verraten, dass der heilige Theodul nicht mit den Walsern mitgewandert, sondern ihnen allenfalls im 15. Jahrhundert nachgewandert ist, als der exorzistische Wetterpatron weithin in Mode kam, die bei den Walsern allerdings auf die alten Pfarreien beschr\u00e4nkt blieb, dass St. Joder bei der Verdichtung des Seelsorgenetzes im 17. Jahrhundert in die neuen \u201eWalserkirchen\u201c nicht \u00fcbernommen wurde, dass er \u2013 abgesehen von Raggal \u2013 allgemein au\u00dfer Mode geriet, bis ihn Bergmann als Leitfossil der Walserforschung entdeckte. Auf einen \u201eWalser\u201c-Heiligen verengt wurde Theodul schlie\u00dflich zu einem Walser Markenzeichen. Verbl\u00fcffend ist das nicht unsympathische Beispiel <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/triesenberg\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Triesenberg<\/a>, wo der Heilige im 15. Jahrhundert zeitweilig als Mitpatron der Kapelle auf Masescha gegolten hatte, aber schon lange so gut wie vergessen war, als 1900 ein altes Altarbild wieder zum Vorschein kam und damit beweiskr\u00e4ftig eine Walserrenaissance ausl\u00f6ste und befl\u00fcgelte, die dazu f\u00fchrte, dass wir heute am Triesenberg auf Schritt und Tritt dem heiligen Theodul begegnen.<\/p>\n<p>In Vorarlberg habe ich nur einen schriftlichen Beleg der Glockenlegende gefunden, und zwar in H\u00e4usles Rankweiler Chronik von 1758, wo Theodul aber nichts mit dem Wallis zu tun hat, sondern Bischof von Mailand war. Von der Dichterin Natalie Beer etwas verst\u00fcmmelt, finden wir heute ausgerechnet diese Version auf der Internetplattform \u201e<a href=\"http:\/\/www.walser-alps.eu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Walser Alps<\/a>\u201c wieder.<\/p>\n<p>Um 1890 setzten s\u00e4kulare Wallis-Wallfahrten ein, woran die Theb\u00e4erreliquien der Pfarrkirche Mittelberg erinnern und augenf\u00e4llig das in Stein gemei\u00dfelte \u201eGott zum Gru\u00df aus der alten Heimat\u201c an der Fassade der Pfarrkirche Laterns. 1938 sollte die Gemeinde Laterns auch noch die Walliser Sterne in die Vorarlberger Heraldik und in die Walser Gef\u00fchlswelt importieren. Die Wiederentdeckung einer fern gl\u00e4nzenden \u201eUrheimat\u201c und der Glaube an eine Abstammungsgemeinschaft taten Wirkung.<\/p>\n<p>Wenn um 1890 auch in Graub\u00fcnden die \u201eWalserfrage\u201c zum Thema wurde, war das eine Folge des wachsenden Selbstbewusstseins der romanischen Bev\u00f6lkerung. Leidenschaftlich wurde darum gefochten, wessen Werk \u201ealt fry Raetien\u201c gewesen sei. F\u00fcr Vorarlberg stellte sich diese Frage nicht mehr. \u00dcberall h\u00e4tten sich die Walser \u201ewie Keile\u201c eingeschoben oder sich \u201ewie \u201adeutsches Pulver\u2018 mitten im romanischen Gebiete unter den \u201aPompalusern\u2018 fest[gelegt], um sie zu sprengen,&#8220; hob der Dam\u00fclser Pfarrer Alois Berchtold als Kulturleistung hervor, als er 1913 in einer Serie \u201eZum 600j\u00e4hrigen Walserjubil\u00e4um\u201c im \u201eVorarlberger Volksblatt\u201c einen \u00dcberblick \u00fcber den Forschungsstand gab. Die \u201eWalserfrage\u201c war f\u00fcr den geb\u00fcrtigen Kleinwalsertaler noch nicht eindeutig gel\u00f6st. Man habe \u201eauch heute noch das Recht, einer Abstammung aus dem Kanton Wallis skeptisch gegen\u00fcberzustehen. Der Mann, der eine solche bewiesen hat, ist noch nicht aufgestanden.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_12058\" aria-describedby=\"caption-attachment-12058\" style=\"width: 263px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/theodul-triesenberg\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12058\" src=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/theodul-triesenberg-263x300.jpg\" alt=\"\" width=\"263\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/theodul-triesenberg-263x300.jpg 263w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/theodul-triesenberg-768x876.jpg 768w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/theodul-triesenberg-897x1024.jpg 897w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/theodul-triesenberg-131x150.jpg 131w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/theodul-triesenberg.jpg 1191w\" sizes=\"auto, (max-width: 263px) 100vw, 263px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-12058\" class=\"wp-caption-text\">Mosaik mit glockentragendem Teufel aus der Theodul-Legende von Prof. Josef Seger, M\u00f6dling b. Wien, \u00fcber dem fr\u00fcheren Nordeingang des Triesenberger Rathauses.<br \/>\nFoto: Josef Eberle<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als sich die Triesenberger 1900 nach Wallis um Auskunft \u00fcber ihre Herkunft wandten, musste Pfarrer Ferdinand Schmid als wohl bester Kenner der Oberwalliser Archive eingestehen: \u201eIch habe hunderte von Akten aus dem 13. Jahrhundert durchgesehen. Nirgends ist eine Andeutung \u00fcber diese Auswanderungen. Ebenso fand ich nichts aus den Akten des 14. und 15. Jahrhunderts.\u201c<\/p>\n<p>Seit \u00fcber 170 Jahren wird dar\u00fcber spekuliert, warum Walliser im Sp\u00e4tmittelalter andernorts ihr Gl\u00fcck suchten. Aber in den Walliser Archiven fanden sich keine Hinweise auf Auswanderungen. So m\u00fcssen wir uns mit Einwanderungsbelegen begn\u00fcgen.<\/p>\n<p>Wenn in Laterns das Herkunftswissen gespeichert blieb, wird das nicht zuletzt dem Umstand zuzuschreiben sein, dass die Laternser \u201eWalser\u201c-Urkunden bei Bedarf aus dem Archiv gezogen werden konnten. Die Dam\u00fclser Urkunden gingen verloren und sind nur als Abschriften in einem 1618 angelegten Urbar, einem G\u00fcter- und Eink\u00fcnfteverzeichnis, der Herrschaft Feldkirch \u00fcberliefert. Deren Inhaber, die Grafen Rudolf und Berthold von Montfort, stellten am 29. Mai 1313 zwei Personengruppen Lehensbriefe aus:<\/p>\n<p>Johann und Wilhelm Schmied, die Br\u00fcder Jakob, Wilhelm und Johann, Walchs S\u00f6hne, sowie Matth\u00e4us von Flurel erhielten das \u201eGut\u201c Laterns und die Alpe Gapfohl. Von \u201eWallisern\u201c ist in dieser Urkunde nicht die Rede.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr im Brief, mit dem am selben Tag die Belehnung der \u201eWalliser\u201c Thomas und Jakob von Bondt, Walters S\u00f6hne zu der Tannen, des Heinrich Vogel von Bondt, des Jakob von Nisesinen (oder Nisefingen) sowie seines Sohns Walter mit der Alpe Uga erfolgte. \u2013 Das ist das \u00e4lteste erhaltene schriftliche Zeugnis \u00fcber \u201eWalliser\u201c im heutigen Vorarlberg. \u2013 1326 folgte die Alpe Dam\u00fcls.<\/p>\n<p>Vorbild f\u00fcr die Montforter waren offenkundig Grundherren im heutigen <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/walser-links\/andere-gemeinden\/walser-gemeinden-in-graubuenden\/\">Graub\u00fcnden<\/a>. Die Grafen blieben Grundherren, \u201eEigent\u00fcmer\u201c, der G\u00fcter und Alpen, die sie an Personengruppen verliehen, die j\u00e4hrlich auf Martini gemeinschaftlich einen Geldzins schuldeten, ihre beschr\u00e4nkten Rechte auch vererben und ver\u00e4u\u00dfern konnten. Zudem wurden die Inhaber der G\u00fcter verpflichtet, der Herrschaft gegen Ersatz der Kosten innerhalb des \u201eLandes\u201c mit Schild und Speer Kriegsdienst zu leisten.<\/p>\n<p>Auch andere Grund- und Landesherren r\u00e4umten Wallisern Erblehen an G\u00fctern ein, zum Beispiel ein Werdenberger 1399 in Buchboden oder ein Emser 1421 im Bereich Ebnit. Aber es gab auch andere Modelle: So war es die Gemeinde B\u00fcrs, die 1347 Wallisern mit obrigkeitlicher Genehmigung das heutige Brandnertal verlieh. 1362 \u00fcberlie\u00dfen die Kirchenpfleger von St. Nikolaus im Silberberg (<a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/silbertal\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Silbertal<\/a>) einem Walser ein Gut als Erblehen, das zur Ausstattung der Kirche geh\u00f6rte. In <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/events\/event\/jahresausflug-nach-koblach-und-meschach\/\">Meschach <\/a>und Altach war es um 1397 ein Feldkircher B\u00fcrger, der als \u201eInvestor\u201c G\u00fcter erwarb und an Walliser verpachtete. Andere Walliser kauften einfach Bauerng\u00fcter oder werden in den St\u00e4dten oder sonst ein Fortkommen gesucht haben.<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>Die Vorstellung, dass alle Walser hochalpine Wehrkolonisten waren, f\u00fchrt in die Irre. Die Verpflichtung, mit Schild und Speer bereit zu stehen, ist nur f\u00fcr die ersten Lehensnehmer der Montforter in Laterns und Dam\u00fcls ausdr\u00fccklich dokumentiert. Sp\u00e4ter traf alle Landst\u00e4nde eine Landesmilizpflicht. Als dann Vorarlberg unter Maria Theresia gezwungen wurde, einige Leute f\u00fcr das stehende Heer zu stellen, konnte sich einzig das Gericht Dam\u00fcls entziehen, dem das Vogteiamt Feldkirch bescheinigt hatte, dass \u201ewegen der bergigen Lage und mehr als anderswo beschwerlichen Feldarbeit entweder die Leute durchaus zu klein oder kurzhalsig oder besch\u00e4digt an den Beinen seien.\u201c Mit den gest\u00e4hlten Walserh\u00fcnen war es demnach nicht so weit her.<\/p>\n<figure id=\"attachment_12056\" aria-describedby=\"caption-attachment-12056\" style=\"width: 216px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/gruendung-blumenegg\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12056\" src=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/gruendung-blumenegg-216x300.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/gruendung-blumenegg-216x300.jpg 216w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/gruendung-blumenegg-768x1067.jpg 768w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/gruendung-blumenegg-737x1024.jpg 737w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/gruendung-blumenegg-108x150.jpg 108w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/gruendung-blumenegg.jpg 983w\" sizes=\"auto, (max-width: 216px) 100vw, 216px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-12056\" class=\"wp-caption-text\">Gr\u00fcndungsdokument des Blumenegger Walsergerichts von 1397. Abschrift um 1628.<br \/>\nQuelle: Vorarlberger Landesarchiv: Reichsherrschaft Blumenegg Hs 160, S. 17<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nach den Stellungskommissionen begannen sich auch die Anthropologen der Universit\u00e4t Z\u00fcrich f\u00fcr die k\u00f6rperliche Verfassung der einschichtigen Walserpopulationen zu interessieren, ihre Sch\u00e4del zu vermessen. 1912 legte der Bregenzer Mediziner Romedius Wacker eine grundlegende Dissertation \u201eZur Anthropologie der Walser des grossen Walsertales in Vorarlberg\u201c vor. Seine These freilich, dass auch die Kropfbildung samt Kretinismus ein Walliser Erbgut sei, erwies sich als nicht tragf\u00e4hig. Nichts konnte Wacker wieder der These eines Viehzuchtexperten abgewinnen, die Walliser stammten samt ihrem Vieh aus dem Sudan; der kleine barbusige schwarze Teufel sei ein Indiz daf\u00fcr, dass der heilige Theodul in Wallis halbwilde \u201eFetischanbeter\u201c bekehrt habe. Bis heute wird dar\u00fcber sinniert, ob die Oberwalliser und ihre Walserabk\u00f6mmlinge Alemannen seien oder deutschgebliebene Burgunder mit sarazenischen Einschl\u00e4gen.<\/p>\n<p>Nach Entdeckung der Blutgruppen wurde den Walsern dann auch noch Blut abgezapft. Die letzten sero-anthropologischen Untersuchungen f\u00fchrten 1959 Forscher der Universit\u00e4t M\u00fcnchen bei \u201eVoll-Walsern\u201c und \u201eHalb-Walsern\u201c im Kleinwalsertal durch.<\/p>\n<p>\u201e[\u2026], solange Walserblut lebt, das sich stolz seiner Herkunft und Vergangenheit bewusst ist,\u201c pflegte der verdiente Sippen- und Heimatforscher Alfons K\u00f6berle an seine Stammesbr\u00fcder zu appellieren. \u2013 Rassenbiologische Begrifflichkeiten und Denkmuster wirken in der Walserliteratur bis heute nach. Sie wirken nicht nur ausgrenzend, sondern verstellen auch den Blick auf das Wesentliche des historischen Ph\u00e4nomens \u201eWalser\u201c. Denn es ging nicht um \u201eWalserblut\u201c, sondern um \u201eWalserrecht\u201c, nicht um \u201eBlutsgemeinschaften\u201c, sondern um Rechtsgemeinschaften. Ob jemand tats\u00e4chlich irgendwie aus dem Wallis stammte, war nicht entscheidend. Entscheidend war, ob jemand einer Genossenschaft oder Gemeinde im alten Sinn eines Personenverbandes angeh\u00f6rte, die als eine Rechtsgemeinschaft von \u201eWalsern\u201c galt.<\/p>\n<p>Das konnte einfach nur eine Steuergenossenschaft sein, wie im Brandnertal, oder eine umfassendere Rechts- und Verwaltungsgenossenschaft, wie die alten Gerichtsgemeinden, die freilich Wandlungen unterworfen waren. Fassbar sind f\u00fcnf solcher \u201eWalser\u201c Gerichte, zun\u00e4chst die Gerichte Dam\u00fcls, Tannberg und Mittelberg, die zu den \u00f6sterreichischen Landst\u00e4nden vor dem Arlberg z\u00e4hlten, normale Landtage aber h\u00e4ufig \u201eschw\u00e4nzten\u201c. Ein Gr\u00fcndungsdokument besitzen wir f\u00fcr das 1397 errichtete Gericht der Walser der Herrschaft Blumenegg, die erst 1804 an \u00d6sterreich gelangte (ebenso die Herrschaft St. Gerold). Die vom Grafen zugestandene Gerichtsordnung zeigt, dass der Ammann und seine Geschworenen gr\u00e4fliche Gehilfen waren. \u00c4hnliches d\u00fcrfen wir auch f\u00fcr das um diese Zeit vom dortigen Landesherrn gew\u00e4hrte Gericht der Walser im Montafon annehmen. Jedes genossenschaftliche Gericht war vom Landesherrn delegiert, unterstand seiner Kontrolle.<\/p>\n<p>Was unter einem \u201efreien\u201c Walser jeweils zu verstehen ist, bin ich mir nicht so sicher. Im Kern geht es um eine Rechtsstellung. Nicht der \u201e<i>freie<\/i> Walser\u201c, schon der Begriff \u201eWalser\u201c selbst war eine Rechtskategorie: Wer in eine Rechtsgenossenschaft der Walser aufgenommen wurde, wurde damit zum geh\u00f6rigen \u201eWalser\u201c, von wo immer er stammen mochte. Umgekehrt konnten ganze Personenverb\u00e4nde ihre \u201eWalser\u201c-Qualit\u00e4t verlieren.<\/p>\n<p>1453 ersuchten die Walser im Montafon um Aufnahme in den Kreis der Hofj\u00fcnger und verzichteten freiwillig auf \u201e<i>aller ihr fryheit und herkhommen als Walser<\/i>\u201c. Damit gab es im Montafon rechtlich keine Walser mehr. Alle, \u201edie Walser gewesen sind\u201c, wurden mit Genehmigung des Landesherrn zu leibeigenen Hofj\u00fcngern.31 Bei den Walsern der Herrschaft Blumenegg gen\u00fcgte es schon, dass sich die Gerichtsgemeinde 1523 freiwillig in die Leibeigenschaft ihres Landesherrn begab, um als \u201eehemalige Walser\u201c zu gelten.<\/p>\n<p>Allgemein galt die Regel: Heiratet ein Nicht-Leibeigener eine Leibeigene oder umgekehrt, folgen deren Kinder der \u201eb\u00f6sen Hand\u201c, fallen also dem Personenverband des Leibherrn zu. Heiratete ein Dam\u00fclser Walser eine Frau, die zu den Gotteshausleuten der Propstei St. Gerold geh\u00f6rte, wurden die Kinder nicht \u201eWalser\u201c, sondern mit der Geburt zu Gotteshausleuten, auch wenn die Mutter direkt aus dem Wallis gekommen w\u00e4re. \u2013 Als was sich die betroffenen Menschen jeweils selbst sahen, ist eine andere Frage.<\/p>\n<p>Sie sehen es, es mag nicht recht gelingen, die \u201eWalser\u201c unter einen Hut zu bringen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Paul Zinsli war Walsertum \u201eSprachvolkstum\u201c. Doch wer wei\u00df schon zuverl\u00e4ssig, wie Walliser oder Walser fr\u00fcher redeten?<\/p>\n<p>Als Steub 1843 nach Dam\u00fcls kam, wurde ihm erkl\u00e4rt, dass vor gut f\u00fcnfzig Jahren noch eine andere Sprache \u00fcblich gewesen sei, doch gelang es nicht, den scheuen Alten etwas von diesem \u201eAltdamilserisch\u201c zu entlocken. Als Pfarrer Josef Fink gut vierzig Jahre sp\u00e4ter in Wallis nach den Wurzeln suchte, lie\u00df er einen alten Mittelberger \u201evorwalsern\u201c, bis sie Zermatt als Stammort der Kleinwalsertaler best\u00e4tigt fanden.<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWo nicht mehr eine walserdeutsche Mundart geredet wird,\u201c stellte Zinsli 1968 fest, \u201ebesteht kein Walserort mehr, ja gibt es im Grunde keine Walser mehr. Man denke an das Brandner- oder Silbertal in Vorarlberg, wo der Walgauer Dialekt zur Herrschaft gelangt ist.\u201c Doch auch im Gro\u00dfen Walsertal hatte Zinsli schon 1953 bei Feldforschungen einen Sprachverfall feststellen m\u00fcssen: \u201eJ\u00fcngere scheinen oft nur eine Mischsprache zu beherrschen, die sie freilich selbst noch als ihre Mundart betrachten,\u201c stolz darauf, \u201eWalserdeutsch zu reden\u201c. Das Vorarlberger Walsertum stehe \u201ein der Gefahr der Aufl\u00f6sung\u201c.<\/p>\n<p>In dieser Umbruchsphase organisierten sich die Walser in Graub\u00fcnden, in Vorarlberg und international. Die \u201eVorarlberger Walservereinigung\u201c wurde 1967 als Vereinigung von Gemeinden gegr\u00fcndet, die sich mit ihrem Beitritt als \u201eWalsergemeinden\u201c deklarierten. Heute sind es neunzehn, einschlie\u00dflich der Ortschaft Ebnit und der ausw\u00e4rtigen Gemeinden Galt\u00fcr und Triesenberg. Die Brander haben heute ein \u201eWalser Alphabet\u201c, die Laternser \u201e\u00d6nschas Gmendsbl\u00e4ttli\u201c, die B\u00fcrserberger einen konstruierten \u201eWalser Steinbock\u201c im Wappen, und alle sind stolz darauf.<\/p>\n<p>Heute gibt es damit mehr Walserinnen und Walser als je zuvor. Viel mehr als Zinsli oder Anthropologen als kulturelle oder biologische \u201eVollwalser\u201c anerkannt h\u00e4tten, und das ist recht so und entspricht auch mehr den historischen Walsergemeinden, die nicht auf Menschen mit Walserblut und Walserzunge beschr\u00e4nkt waren.<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00f6nnen wir uns auf die Formel einigen: Walser ist, wer sich als Walser sieht und als Walser angesehen wird.<\/p>\n<p>Liebe Jubelwalserinnen und Jubelwalser, bewahren Sie sich Ihre Walserheimat und durchaus auch Ihre Walsermythen. Jede Gemeinschaft braucht Mythen. Es ist aber weder notwendig noch zielf\u00fchrend, aus dem \u201eWalsertum\u201c fr\u00f6mmlerisch eine Glaubensfrage zu machen. Es gen\u00fcgt vollauf, von Herzen Walserin und Walser zu sein. Ich habe den Eindruck, Sie sind auf einem sehr guten Weg in die Zukunft.<\/p>\n<p><strong>Dr. Ulrich Nachbaur, Vorarlberger Landesarchiv Bregenz<\/strong><\/p>\n<p class=\"cyanbox\">Dieser Artikel ist in <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/walserheimat-98-februar-2016\/\">Heft 98 <\/a>der &#8222;Walserheimat&#8220; zu finden.<\/p>\n<p class=\"cyanbox\">Eine PDF-Version der Rede steht <a class=\"bluulink\" href=\"https:\/\/www.vorarlberg.at\/pdf\/vv84unwalser.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier zum Download<\/a> zur Verf\u00fcgung.<!--\/INC:\"pagetop.inc\"--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Historische Anmerkungen zum Walserbewusstsein Festrede von Dr. Ulrich Nachbaur beim Festakt \u201e700 Jahre Walser in Vorarlberg 1313 \u2013 2013\u201c der Vorarlberger Walservereinigung am 9. Juni 2013 im Gemeindesaal Dam\u00fcls Dr. Ulrich Nachbaur beim Festvortrag 2013 in Dam\u00fcls. Foto: Jodok M\u00fcller 1843 ver\u00f6ffentlichte der M\u00fcnchner Schriftsteller Ludwig Steub in der Augsburger \u201eAllgemeinen Zeitung\u201c einen Beitrag \u00fcber [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":12055,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[572,154],"tags":[],"taetigkeiten":[],"chronik-jahre":[],"chronik-gemeinden":[],"walserheimat":[457],"gebiete":[],"superkategorien":[],"class_list":["post-12060","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","category-online-artikel","walserheimat-wh98"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12060","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12060"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12060\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18690,"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12060\/revisions\/18690"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12055"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12060"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12060"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12060"},{"taxonomy":"taetigkeiten","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/taetigkeiten?post=12060"},{"taxonomy":"chronik-jahre","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/chronik-jahre?post=12060"},{"taxonomy":"chronik-gemeinden","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/chronik-gemeinden?post=12060"},{"taxonomy":"walserheimat","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/walserheimat?post=12060"},{"taxonomy":"gebiete","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/gebiete?post=12060"},{"taxonomy":"superkategorien","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-json\/wp\/v2\/superkategorien?post=12060"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}