{"id":11847,"date":"2017-05-07T21:43:34","date_gmt":"2017-05-07T19:43:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/?p=11847"},"modified":"2024-01-08T10:38:40","modified_gmt":"2024-01-08T09:38:40","slug":"requiem-fuer-walserisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/requiem-fuer-walserisch\/","title":{"rendered":"Requiem f\u00fcr Walserisch ?"},"content":{"rendered":"<h2>Ein Vortrag von Elisabeth Burtscher bei der 2. internationalen Sprachtagung am 9. Juni 2006 in Brig<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/bielisabeth\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1176 size-full\" title=\"Elisabeth Burtscher\" src=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/bielisabeth.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"244\" srcset=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/bielisabeth.jpg 180w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/bielisabeth-111x150.jpg 111w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a>Wir haben jetzt vieles geh\u00f6rt zur Sprachforschung. Forschung ist wichtig. Es ist \u00e4u\u00dferst wichtig, wenn junge Leute, Diplomanden, sich intensiv mit der Sprache besch\u00e4ftigen. Forschungsergebnisse zu dokumentieren ist auch wichtig. Interessierte finden dort, was sie suchen. Diplomanden k\u00f6nnen sich informieren. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass wir mehrmals in der Woche einem Forscher begegnen oder Forschungsdokumentationen in die Hand bekommen. Was wir aber t\u00e4glich tun und tun k\u00f6nnen und sollen, ist h\u00f6ren und reden beim Zusammentreffen mit den Leuten.<!--more-->Nun gibt es wirklich Walserregionen, die es einem schwer machen, an den Fortbestand der walserischen Sprache zu glauben. Diese Regionen haben alle ihre Vertreter und ihre K\u00e4mpfer, sozusagen die Notfallteams, die nicht nur diagnostizieren, sondern auch rettend eingreifen.<\/p>\n<p>Meine Aufgabe ist es, das \u00f6stlichste Walsergebiet, n\u00e4mlich Vorarlberg, vorzustellen. Wie steht es dort um die Sprache? Ist das Walserische dort lebendig? Auf jeden Fall ist es pr\u00e4sent und dokumentiert. Zum Beispiel in zahlreichen Publikationen, in Mundartsammlungen zusammen mit anderen Mundartbeitr\u00e4gen, in B\u00fcchern, die als Walserisch gekennzeichnet sind. Ich darf hier das Kleinwalsertaler Mundartw\u00f6rterbuch hervorheben.<\/p>\n<p>Zu h\u00f6ren ist das Walserische bei Anl\u00e4ssen wie Walsertreffen, Walser Kirchentag oder bei Festlichkeiten, die mit der walserischen Geschichte zu tun haben oder, wenn Mundartleute sich treffen zu Austausch oder Lesungen. Bei \u00f6ffentlichen Ereignissen wird das Walserische immer wieder f\u00fcr Liedvortr\u00e4ge oder Sprechst\u00fccke von Erwachsenen oder von Kindern verwendet.<\/p>\n<p>Dokumentiert ist das Walserische auch auf zahlreichen CDs oder anderen Tontr\u00e4gern. Im ORF-Studio Vorarlberg sind 164 Beitr\u00e4ge unter Walserisch gespeichert. Nicht mitgez\u00e4hlt sind solche Aufnahmen, die auch andere Dialekte enthalten, wie zum Beispiel die CD \u201eWalserisch \u2013 W\u00e4lderisch\u201c. 200 Titel widmen sich dem Walserischen in Bild und Ton. \u00dcber Privatinitiativen oder durch den ORF sind unterschiedliche Dokumentationen entstanden.<\/p>\n<p>Trotz dieser F\u00fclle von Lebenszeichen gibt es immer noch solche, die sagen: \u201eJa \u2013 aber die Jungen reden nicht mehr walserisch.\u201c Und sie liefern gleich die Begr\u00fcndung daf\u00fcr mit: \u201eDer Tourismus ist schuld daran, dass wir das Walserische verloren haben.\u201c Aber &#8211; der Tourismus nimmt nur das, was wir freiwillig aufgeben.<\/p>\n<p>Oder es hei\u00dft: \u201eDie jungen Leute gehen fr\u00fch aus dem Dorf in weiterf\u00fchrende Schulen und dort vergessen sie ihre Mundart.\u201c Weiterf\u00fchrende Schulen zu besuchen hei\u00dft aber meistens auch das Erlernen einer Fremdsprache und wer wollte behaupten, dass dadurch die Muttersprache verloren ginge?<\/p>\n<p>Oft ist es gerade die Besch\u00e4ftigung mit einer neuen Sprache, die das Ohr sensibel macht. Ein Sch\u00fcler, der Englisch lernt und feststellt, dass das englische \u201ealways\u201c n\u00e4her beim walserischen \u201ealbis\u201c liegt als das deutsche \u201eimmer\u201c, hat zumindest ein gutes Ohr f\u00fcr Sprachen und wird noch andere Beispiele finden.<\/p>\n<p>Die jungen Leute haben keine Scheu, e-mails in der Mundart zu schreiben. Es gibt auch kein Thementabu. Sie schreiben alles, was sie wollen und sie schreiben, wie sie wollen. Sie kennen nicht die \u00e4ngstliche Frage: \u201eWie schreibt man das richtig?\u201c Sie reden darauf los, verwenden selbstverst\u00e4ndlich Fremdw\u00f6rter oder neue W\u00f6rter aus ihrem Jargon neben walserischen Ausdr\u00fccken. K\u00f6nnen wir daraus ableiten, dass ihnen die Mundart nichts mehr bedeutet? Untersuchungen zeigen, dass der bewusste Gebrauch der Mundart erst in einem sp\u00e4teren Lebensalter wichtig wird.<\/p>\n<p>Es ist wahr, viele W\u00f6rter werden nicht mehr verwendet, weil sie nur noch selten geh\u00f6rt werden. Ist das Grund genug, den Verlust einer Sprache zu beklagen? Ist es nicht eher ein Zeichen der Lebendigkeit, wenn sich etwas \u00e4ndert? Wer seine Texte auf dem Computer schreibt, verwendet W\u00f6rter wie \u201eTintenfass\u201c oder \u201eG\u00e4nsekiel\u201c nur noch selten.<\/p>\n<p>Genauso ist es mit vielen Walserw\u00f6rtern. In einem Gespr\u00e4ch zu diesem Thema sagte mir ein Bauer: \u201eJa, wo sind sie denn, die alten W\u00f6rter, die Bezeichnungen f\u00fcr Werkzeuge und Handgriffe?\u201c \u201eDia hemmar oovrmerkt dra\u2019gee, wo mr dMaschina \u2018kauft hend.\u201c<\/p>\n<p>Wer wollte den Handel r\u00fcckg\u00e4ngig machen? Was k\u00f6nnen wir denn tun? Wie kann gezielte Spracharbeit aussehen, obwohl viele W\u00f6rter nicht mehr da sind?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir Erz\u00e4hlnachmittage oder \u2013abende organisieren, bei denen alte Leute von fr\u00fcher erz\u00e4hlen. Nat\u00fcrlich ist es sch\u00f6n, wenn ich da ein Wort h\u00f6re, das ich Jahrzehnte nicht mehr geh\u00f6rt habe. Es weckt eine Erinnerung. F\u00fcr den Erhalt der Mundart ist es gut, wenn alle Generationen zu Wort kommen und wenn die Themen nicht immer um die Vergangenheit und um die b\u00e4uerliche Arbeitswelt kreisen.<\/p>\n<p>Walserisch ist eine Sache des Selbstbewusstseins. Es sind nicht mehr so viele \u2013 auch nicht in Walsergebieten \u2013, die ihr Selbstbewusstsein \u00fcber Besitzgr\u00f6\u00dfe oder Viehbestand definieren. Ein weitaus gr\u00f6\u00dferer Teil bewegt sich in einem anderen Umfeld. Das muss sich auch in der Sprache zeigen und da nicht nur im Gebrauch bestimmter W\u00f6rter, sondern auch in der Vielf\u00e4ltigkeit der Ausdrucks- formen. Deshalb ist es wichtig, das Walserische aus der b\u00e4uerlichen Arbeitswelt herauszuholen.<\/p>\n<p>Walserisch ist eine Sache des Herzens. Wer sich \u00fcber die engere Heimat hinaus mit der Volksgruppe der Walser verbunden f\u00fchlt, \u00f6ffnet eher das Ohr f\u00fcr Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Sprache der Bewohner verschiedener Walserregionen.<\/p>\n<p>Walserisch ist eine Sache der Begabung. Hier kann gezielte Spracharbeit ansetzen. Sch\u00fcler, die leicht und gerne Fremdsprachen lernen, k\u00f6nnen eher f\u00fcr den Gebrauch des Walserischen begeistert werden. Es gibt gute Beispiele daf\u00fcr in verschiedenen Schulen des Landes. Das kann ein Sprachen-Projekt sein, eine Theaterauff\u00fchrung, ein Lied, ein H\u00f6rspiel usw. F\u00fcr \u00e4ltere Interessierte gibt es die M\u00f6glichkeit, sich mit anderen in einer Schreibwerkstatt auszutauschen und Texte zu verfassen. Es m\u00fcssen aber nicht gezielt organisierte Sprechanl\u00e4sse sein.<\/p>\n<p>\u00dcberall dort, wo Walserisch selbstverst\u00e4ndlich gesprochen wird, dient es der Sprache. Dort, wo sich der Sprecher nicht daf\u00fcr entschuldigt, dass er redet, \u201cwie ihm der Schnabel gewachsen ist\u201c. Tut er es n\u00e4mlich, wertet er damit das Walserische ab. W\u00e4re ihm die Sprache ein Herzensanliegen, m\u00fcsste er sich nicht entschuldigen. Dann w\u00fcrde er einfach drauflosreden.<\/p>\n<p>Sich in einer Sprache ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen in allen Lebensbereichen, gibt genug Selbstbewusstsein, es auch zu tun. Wer das kann, wird seine Sprache immer noch besser kennenlernen und versuchen, sie m\u00f6glichst gut zu sprechen. Es wird ihm zu einer Herzenssache werden. Er wird sie \u00fcberall dort verwenden, wo er wei\u00df oder damit rechnen kann, dass er von allen verstanden wird. Genauso, wie man das mit jeder anderen Sprache macht. Wir Mundartleute k\u00f6nnen mit Freude feststellen, dass viele \u2013 auch viele Junge \u2013 das Walserische selbstbewusst sprechen. Dar\u00fcber k\u00f6nnen wir uns freuen \u2013 ohne Klage \u00fcber verloren gegangene W\u00f6rter, ohne allzu strenge Kritik und ohne d\u00fcstere Prophezeihungen f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>Das Walserische wird weitersprudeln in allem, was wir zu sagen haben, in allem, was uns bewegt oder besch\u00e4ftigt, immer wieder sich \u00e4ndernd mitten im Leben, mitten aus dem Leben heraus.<\/p>\n<blockquote>\n<p><span class=\"zitat\">Spagat<\/p>\n<p>Turna han i ned w\u00f6rkli g\u00e4ra gha<br \/>\ni da Schual<br \/>\nd Lehreri hed mengs vrlangt<br \/>\nda Kopfstand, ds Rad und no vill meh<br \/>\nDa Spagat han i nia k\u00f6nna<\/p>\n<p>wiit spanna<br \/>\nuufra\u00e4cht bliiba<br \/>\nund mit am Kopf ds Gliichgwicht heba<br \/>\nI ha scho lang kee Turnstond meh<br \/>\ndaf\u00f6r an Aorbat, as Auto und an Computer<\/p>\n<p>L\u00e4\u00e4ba zw\u00fcschat Doorf und Stadt<\/p>\n<p>Wiit fort faohra und heija daheemat<br \/>\nGuata Morga und bonjour<br \/>\nper mouseclick Infos holla<br \/>\nam Telefon schna\u00e4ll d Spraoch wa\u00e4chsla<br \/>\nJeans kaufa und d Tracht aalegga<br \/>\nzw\u00fcschat Jazz und Mozart losa, wia d Kilchaglogga schlaod<br \/>\nZ Portugal Bilder vom Walsertal zeiga<br \/>\nund daheemat vo sch\u00f6na Pla\u00e4tz vrzella &#8211; i L\u00e4nder mit fr\u00f6nda Nema<\/p>\n<p>D\u00e4\u00e4 Spagat mua\u00df ma k\u00f6nna<\/p>\n<p>wiit spanna<br \/>\nuufra\u00e4cht bliiba<br \/>\nmit Kopf und H\u00e4\u00e4rz<br \/>\nds Gliichgwicht heba<br \/>\n<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em><span class=\"kursiv\">Die Idee f\u00fcr obigen Mundarttext stammt von Karin Ganahl-Gassner. Sie hat den Standardtext von Elisabeth Burtscher in ihre Raggaler Mundart \u00fcbertragen. Karin kommt aus Raggal und lebt mit ihrer Familie auf der Sonnenseite des Gro\u00dfen Walsertales. Sie unterrichtet Franz\u00f6sisch und Deutsch an der H\u00f6heren Lehranstalt f\u00fcr wirtschaftliche Berufe (HLW).<\/span><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Vortrag von Elisabeth Burtscher bei der 2. internationalen Sprachtagung am 9. Juni 2006 in Brig Wir haben jetzt vieles geh\u00f6rt zur Sprachforschung. Forschung ist wichtig. Es ist \u00e4u\u00dferst wichtig, wenn junge Leute, Diplomanden, sich intensiv mit der Sprache besch\u00e4ftigen. Forschungsergebnisse zu dokumentieren ist auch wichtig. Interessierte finden dort, was sie suchen. 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