{"id":11841,"date":"2017-05-07T21:10:26","date_gmt":"2017-05-07T19:10:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/?p=11841"},"modified":"2024-03-02T16:20:13","modified_gmt":"2024-03-02T15:20:13","slug":"der-weg-der-feuersteine-spuren-zum-aeltesten-bergwerk-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/der-weg-der-feuersteine-spuren-zum-aeltesten-bergwerk-europas\/","title":{"rendered":"Der Weg der Feuersteine. Spuren zum \u00e4ltesten Bergwerk Europas"},"content":{"rendered":"<p><strong>von&nbsp;Walter Leitner<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/040leit1\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-11839\" src=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/040leit1-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/040leit1-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/040leit1-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/040leit1.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Die Entstehung der \u00e4ltesten Verbindungswege und Transitrouten in den Alpen steht in engem Zusammenhang mit Tausch und Handel von Feuerstein, jenem Rohstoff, der f\u00fcr die steinzeitliche J\u00e4ger- und Sammlergesellschaft ein unverzichtbares Gut f\u00fcr die Herstellung von Waffen und Werkzeug darstellte. H\u00e4rte und gute Spaltbarkeit bilden die idealen Eigenschaften dieser kiesels\u00e4ureh\u00e4ltigen Gesteine, die in vielen Variet\u00e4ten in den Kalkformationen der Erde vorkommen. In den Alpen waren es nat\u00fcrliche Aufschl\u00fcsse wie Bergst\u00fcrze, Verwitterungshalden oder Bachbettschotter, in denen zun\u00e4chst die oberfl\u00e4chliche Aufsammlung dieses Materials begann. Letztlich f\u00fchrten diese Aufschl\u00fcsse auch zu den urspr\u00fcnglichen Lagerst\u00e4tten, wo die beste Qualit\u00e4t des Gesteins zu erwarten war. Die G\u00fcte des Materials war ein ausschlaggebender Faktor f\u00fcr den Tauschhandel. Das ersieht man aus den weit reichenden Verteilerstrecken im und \u00fcber den Alpenraum.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>L\u00e4ngst nicht alle Feuersteinlagen waren auch abbauw\u00fcrdig. Weniger qualit\u00e4tvolles Material wurde nur im Bedarfsfall verwendet und hatte f\u00fcr den \u00fcberregionalen Vertrieb keine Bedeutung. Ein wichtiger Stellenwert kam auch der Quantit\u00e4t des Abbauproduktes zu, denn zun\u00e4chst galt es den Eigenbedarf zu decken, bevor man exportierte.<\/p>\n<p>Klare Spuren von pr\u00e4historischen Feuersteinbergwerken trifft man in Europa erst ab dem 5. Jahrtausend v. Chr. an (Jungsteinzeit). Tausende von aufgelassenen Schacht- und Grubenbauten, in denen manchmal noch die Reste von Abbauwerkzeugen in Form von Steinh\u00e4mmern und Geweihhacken zu finden sind, zeugen davon. Derartige Befunde sind im inneren Alpenraum noch nicht deutlich zum Vorschein gekommen, obwohl es an Regionen mit Feuersteinvorkommen nicht mangelt. Haben sich die inneralpinen Gruppen mit der Aufsammlung von anstehendem Oberfl\u00e4chenmaterial begn\u00fcgt und bezogen die bessere Ware ausschlie\u00dflich von den zirkumalpinen Abbaustellen?<\/p>\n<p>Neue Untersuchungen zu diesem Thema f\u00fchren uns nach Vorarlberg in das Kleine Walsertal. Dort f\u00fchrt das Institut f\u00fcr Ur- und Fr\u00fchgeschichte der Universit\u00e4t Innsbruck seit 1999 arch\u00e4ologische Ausgrabungen durch, die den \u00e4ltesten Nachweis des menschlichen Aufenthalts in diesem Tal erbrachten. Es waren J\u00e4gergruppen, die w\u00e4hrend der nacheiszeitlichen Sommermonate die wildreichen Hochlagen aufsuchten um Steinbock, G\u00e4mse, Rothirsch, Reh und B\u00e4r zu jagen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/041leit2\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-11840\" src=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/041leit2-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/041leit2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/041leit2-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/041leit2.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Ihre Spuren hinterlie\u00dfen sie in ihren Jagdstationen, die als Basisstation f\u00fcr ihre Streifz\u00fcge dienten. Gro\u00dfe Felssturzbl\u00f6cke und \u00fcberh\u00e4ngende Felsw\u00e4nde geh\u00f6rten zu den bevorzugten Aufenthaltsstellen. Im Schutze dieser nat\u00fcrlichen Formationen errichtete man Feuerstellen und Windschutzkonstruktionen. Reste von Speiseabf\u00e4llen und vor allem gro\u00dfe Konzentrationen von Feuersteinabschl\u00e4gen weisen untr\u00fcglich darauf hin, dass hier Mahlzeiten zubereitet und Steinger\u00e4te zugeschlagen wurden. Von diesen Lagern aus brach man zur Jagd auf. Das bewuchsfreie Gel\u00e4nde oberhalb der Baumgrenze war f\u00fcr die Beobachtung des Wildwechsels von Vorteil. Aus zahlreichen arch\u00e4ologischen Funden von Feuersteinabschl\u00e4gen auf vielen P\u00e4ssen und \u00dcberg\u00e4ngen Vorarlbergs erschlie\u00dfen sich uns die Routen der steinzeitlichen J\u00e4ger.<\/p>\n<p>Neben Proviant sowie Bogen und Pfeilen, f\u00fchrten sie auch steinernes Rohmaterial in ihrem Reisegep\u00e4ck mit, denn ihre Werkzeuge und vor allem die Bewehrung der Pfeilsch\u00e4fte erlitten h\u00e4ufig Schaden oder gingen verloren und mussten laufend ersetzt werden. Um dem Umstand der unerwarteten Rohstoffknappheit vorzubeugen, legte man gelegentlich auch kleine Feuersteindepots entlang dieser Strecken an. Daraus l\u00e4sst sich schon eine gewisse Frequenz der Begehung erahnen. Im Zuge solcher Wanderungen kam es sicherlich zu Kontakten mit J\u00e4gergruppen aus den benachbarten und auch weiter entfernten Kulturregionen. M\u00f6gen die Begegnungen auch nicht immer friedlicher Art gewesen sein, auf dem Sektor des G\u00fctertausches ergaben sich sicher wohlwollende Tauschbeziehungen. Dabei spielte der Feuerstein eine gro\u00dfe Rolle &#8211; und mit ihm das Kleine Walsertal.<\/p>\n<p>Es hat sich n\u00e4mlich gezeigt, dass in den hinteren Seitent\u00e4lern des Kleinen Walsertales wie im Wildental, dem B\u00e4rgunttal und vor allem im Gemstel bedeutende Feuersteinb\u00e4nke durchziehen. Es handelt sich dabei um Radiolarit, der in r\u00f6tlichen, gr\u00fcnlichen und grauschwarzen Farbnuancen in gro\u00dfen Mengen vorkommt. Geologische Untersuchungsergebnisse stufen die Qualit\u00e4t des Materials als gut bis sehr gut ein, wobei die gr\u00fcnen Variet\u00e4ten die homogenste Struktur zeigen.<\/p>\n<p>Im Zuge der Ausgrabungsarbeiten eines pr\u00e4historischen J\u00e4gerlagers unter einem Fels\u00fcberhang auf der Alpe Schneiderk\u00fcren (1550 m) und einer Talstation am Ufer des Schwarzwasserbaches in der Flur Egg bei Riezlern (1050 m) in den Jahren 1999 bis 2004 wurde deutlich, dass praktisch das gesamte steinerne Ger\u00e4teinventar dieser Fundstellen aus den erw\u00e4hnten Radiolariten besteht. Materielle Qualit\u00e4tsunterschiede innerhalb der Steinwerkzeuge weisen darauf hin, dass der Rohstoff nicht ausschlie\u00dflich von den Prim\u00e4rlagern stammt, sondern auch aus dem Schotterbett der Breitach entnommen wurde, wo er auf dem nat\u00fcrlichen Transportweg hingelangte.<\/p>\n<p>So gesehen bildeten die Breitach und ihre Quellwasserl\u00e4ufe die eigentlichen Wegweiser zu den nat\u00fcrlichen Aufschl\u00fcssen dieser Gesteine. In diesem Zusammenhang erweist sich prim\u00e4r das Gemstel als absolutes Zentrum f\u00fcr Radiolaritgewinnung. Im Bereich der &#8222;Bernhards Gemstelalpe&#8220; (\u00d6K 50.000, Nr. 113) h\u00e4ufen sich die Anzeichen. In schluchtartigen Einschnitten ist der Verlauf der Feuersteinb\u00e4nke deutlich zu sehen und \u00fcber die steilen Talflanken gehen gro\u00dfe Halden an verwittertem Radiolarit bis hin zur Talsohle ab. Treffenderweise werden hier die Wiesenh\u00e4nge oberhalb der Gemstelh\u00fctte schon seit langer Zeit als Feuersteinm\u00e4hder bezeichnet.<\/p>\n<p>Diesen Indizien Rechnung tragend galten die montanarch\u00e4ologischen Untersuchungen diesem Steilhang. In 1550 m H\u00f6he treten die Radiolaritb\u00e4nke an mehreren Stellen an die Oberfl\u00e4che. Am Fu\u00df dieser Ausbisse sind jeweils kleine Terrassierungen zu beobachten, die den Verdacht aufkommen lassen, man h\u00e4tte sich hier kleine Arbeitspodeste geschaffen um den Feuerstein abzubauen. Erste Abgrabungen untermauerten diese \u00dcberlegung. Die Radiolaritschichten unmittelbar unter dem Waldboden zeigten besonders homogene Strukturen und beste Qualit\u00e4t. An mehreren Stellen waren Aussplitterungen zu registrieren, die auf einen Abbau mit groben Steinh\u00e4mmern schlie\u00dfen lassen. Weiters zeigen im Kontext gefundene Abschlagst\u00fccke und Pr\u00e4parationstr\u00fcmmer, dass das Feuersteinmaterial zun\u00e4chst vor Ort auf seine G\u00fcte getestet wurde, bevor die besten St\u00fccke sodann denn Weg ins Tal zur Weiterverarbeitung oder als Handelsgut fanden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/041leit3\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-11838\" src=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/041leit3-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/041leit3-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/041leit3-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/041leit3.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>F\u00fcr die Ermittlung der Datierung des Abbaus kommen folgende Kriterien zur Anwendung: Gegen eine neuere bzw. historische Zeit spricht grunds\u00e4tzlich das Fehlen jeglicher Aufzeichnungen von industrieller Gewinnung und Verwendung dieses Materials in den amtlichen Chroniken des Tales. Auch die wenigen modernen Gelegenheitsschleifer von Schmucksteinen fallen nicht ins Gewicht, da sie nach eigener Aussage ganz andere Pl\u00e4tze aufsuchten und andere Materialien verarbeiteten (&#8222;Walser Jaspis&#8220;). Zudem ist an den abgeschlagenen St\u00fccken zu erkennen, dass diese nicht mit einem herk\u00f6mmlichen Eisenhammer bearbeitet wurden.<\/p>\n<p>Klarere Indizien sprechen vielmehr f\u00fcr einen Abbau in pr\u00e4historischer Zeit, in der dieses Gestein, als der meist verwendete Rohstoff f\u00fcr die Herstellung von Werkzeugen, von gro\u00dfer Bedeutung war. Ausgehend von den bis dato bekannten Steinger\u00e4ten aus den erw\u00e4hnten Jagdlagern im Kleinen Walsertal, die nach der Radiocarbon-Methode (C14) in das 7. und 6. Jahrtausend v. Chr. datieren, bilden somit die H\u00e4nge der Feuersteinm\u00e4hder das h\u00f6chst gelegene und vermutlich \u00e4lteste Abbaugebiet von Feuerstein in Europa. Aufgrund der oberfl\u00e4chlich verlaufenden Schichtungen war es wahrscheinlich nicht notwendig, tiefere Stollen oder Sch\u00e4chte in den Hang zu treiben. Man schlug oder sprengte die besten Brocken heraus, zerkleinerte sie an Ort und Stelle und pr\u00e4parierte Halbfabrikatst\u00fccke zur Mitnahme auf den ausgedehnten Streifz\u00fcgen.<\/p>\n<p>So kam das Material in den regionalen Umlauf und es d\u00fcrfte sich bald herumgesprochen haben, dass im Gemstel gro\u00dfe Mengen an g\u00fctevollem Feuerstein zu holen sind. M\u00f6glicherweise war es nicht immer nur gelegentliche Rohstoffbeschaffung, die hier sozusagen &#8222;en passant&#8220; erfolgte. Der organisierte bergm\u00e4nnische Abbau von speziellen Arbeitsgruppen ist durchaus in Betracht zu ziehen und die Region Hinteres Gemstel wurde damit zu einem Versorgungszentrum von Radiolarit f\u00fcr den Vorarlberger Raum, das Alpenrheintal und das s\u00fcdliche Bodenseegebiet, wie erste Untersuchungen von Vergleichsmaterial z.B. aus Koblach-Rheinbalme, Koblach-Krinne und auch von Arbon-Bleiche verdeutlichen.<\/p>\n<p>Das Gemstel birgt nicht die einzigen Radiolaritvorkommen in Vorarlberg. Nach ersten Prospektionen im Gro\u00dfwalsertal und in der Hochtannbergregion zu urteilen, bilden sie jedoch im Vergleich zun\u00e4chst die ergiebigsten und qualit\u00e4tvollsten Aufschl\u00fcsse.<\/p>\n<p class=\"cyanbox\">Der vollst\u00e4ndige Artikel ist in <a href=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/walserheimat-81-oktober-2007\/\">Heft 81 <\/a>der &#8222;Walserheimat&#8220; zu finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von&nbsp;Walter Leitner Die Entstehung der \u00e4ltesten Verbindungswege und Transitrouten in den Alpen steht in engem Zusammenhang mit Tausch und Handel von Feuerstein, jenem Rohstoff, der f\u00fcr die steinzeitliche J\u00e4ger- und Sammlergesellschaft ein unverzichtbares Gut f\u00fcr die Herstellung von Waffen und Werkzeug darstellte. 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