{"id":11693,"date":"2017-03-29T21:38:46","date_gmt":"2017-03-29T19:38:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/?p=11693"},"modified":"2024-01-08T11:16:01","modified_gmt":"2024-01-08T10:16:01","slug":"die-gemeinde-mittelberg-und-das-grossdeutsche-reich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/die-gemeinde-mittelberg-und-das-grossdeutsche-reich\/","title":{"rendered":"Die Gemeinde Mittelberg und das Gro\u00dfdeutsche Reich"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-11695 size-full\" src=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/wahl.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"299\" srcset=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/wahl.jpg 480w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/wahl-300x187.jpg 300w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/wahl-150x93.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/>Am 10. Juni 2008 wurde im Walserhaus in Hirschegg die von Dr. Thomas Gayda und Stefan Heim konzipierte Ausstellung &#8222;Sonderfall Kleines Walsertal &#8211; Ein Tal im Umbruch &#8211; 1933 &#8211; 1938 &#8211; 1948&#8220; er\u00f6ffnet. Diese brisante Zeit stellte einige Weichen f\u00fcr den Tourismusort Kleinwalsertal. Die Gemeinde Mittelberg erlebte Ende der Zwanzigerjahre einen gewaltigen Aufschwung im Fremdenverkehr. Laut den Aufzeichnungen der Verkehrs\u00e4mter waren es im Jahre 1923\/24 insgesamt 3.211 Personen mit 29.200 N\u00e4chtigungen, 1929\/30 aber bereits 9.935 G\u00e4ste mit 135.675 \u00dcbernachtungen. Die Zunahme des Fremdenverkehrs im Jahre 1930\/31 kam haupts\u00e4chlich durch die deutsche Auslandsreisesperre. Diese deutsche Notverordnung fand aber auf das Kleinwalsertal, als deutsches Zollanschlussgebiet, keine Anwendung. Au\u00dferdem wurde das Tal im Dezember 1930 mit einer guten Stra\u00dfe an das deutsche Verkehrsnetz angebunden und Autobusse der Deutschen Reichspost transportierten G\u00e4ste bequem ins Tal. 1933 verf\u00fcgte das Tal bereits \u00fcber 27 Hotels und Gasth\u00f6fe, f\u00fcnf Pensionen, sieben Kinderheime und sieben H\u00fcttenbetriebe sowie eine H\u00f6henklinik f\u00fcr Knochentuberkulose.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Durch die Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten im Deutschen Reich kam es 1933 zu ersten Grenzschwierigkeiten. Am 16. M\u00e4rz 1933 bezog eine SA-Abteilung Posten vor der Walserschanz, welche die Passanten nach einem g\u00fcltigen Reisepass mit Sichtvermerk kontrollierte. Diese Ma\u00dfnahme gef\u00e4hrdete den Fremdenverkehr des Tales und es wurden sofort Verhandlungen mit den deutschen Beh\u00f6rden aufgenommen. Am 12. April 1933 wurde die Kontrolle vor der Walserschanz wieder aufgehoben und die deutsche Passgrenze an die Zollgrenze zur\u00fcckverlegt, so dass das Gebiet der Gemeinde Mittelberg wieder als deutsches Reisegebiet freigegeben war. Am 1. Juni 1933 wurden die deutschen Ausreisesperrma\u00dfnahmen gegen\u00fcber \u00d6sterreich noch versch\u00e4rft. F\u00fcr die Ausreise von Deutschland nach \u00d6sterreich wurde eine Visumgeb\u00fchr von 1.000 Reichsmark verlangt und es zog neuerdings ein SA-Posten an die Walserschanz. Eine Abordnung der Gemeinde Mittelberg reklamierte sofort in M\u00fcnchen und Berlin, da diese Anordnung gegen den Zollanschlussvertrag stehe. Am 10. Juni wurde die Ma\u00dfnahme f\u00fcr das Kleinwalsertal wieder aufgehoben. Um die Gefahr der &#8222;Tausendmarksperre&#8220; dauerhaft abzuwenden, wurde von der \u00f6sterreichischen Bundesregierung den &#8222;Reichsdeutschen&#8220; im Kleinwalsertal erlaubt, die Hakenkreuzflagge in Verbindung mit der schwarz-wei\u00df-roten Flagge zu hissen. Mitten in der Weltwirtschaftskrise erlebte Mittelberg einen Aufschwung und dank der &#8222;Tausendmarksperre&#8220; einen regelrechten Tourismusboom, von dem auch der deutsche Fiskus durch die Verbrauchssteuern profitierte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-11694 size-full\" src=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/heimatbund1934.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"301\" srcset=\"https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/heimatbund1934.jpg 480w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/heimatbund1934-300x188.jpg 300w, https:\/\/www.vorarlberger-walservereinigung.at\/vwvwp\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/heimatbund1934-150x94.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/> Im Winterhalbjahr 1935\/36 verzeichnete das Kleinwalsertal weit mehr als die H\u00e4lfte aller deutschen G\u00e4ste in \u00d6sterreich, im Tourismusjahr 1936\/37 knapp die H\u00e4lfte aller G\u00e4sten\u00e4chtigungen in Vorarlberg. Der Tourismusboom lenkte nicht nur deutsches Kapital ins Tal, sondern auch deutsche Staatsb\u00fcrger. W\u00e4hrend im \u00fcbrigen Vorarlberg durch die &#8222;Tausendmarksperre&#8220; der Anteil an Reichsdeutschen drastisch zur\u00fcckging, betrug der Anteil in der Gemeinde Mittelberg im Jahr 1933 bereits 21,7 Prozent der Talbev\u00f6lkerung. 2,5 Millionen Reichsmark deutsches Kapital waren im Tal investiert und 45 Anwesen im Besitz von &#8222;Reichsdeutschen&#8220;. Als Reaktion auf die &#8222;\u00dcberfremdung&#8220; entstand im Juni 1934 der &#8222;Walserbund&#8220; der sich aus 400 Einheimischen zusammensetzte und die &#8222;der bedrohten Heimat und ihrem Volkstum unverbr\u00fcchliche Treue&#8220; schworen. Au\u00dferdem wurde von 50 bis 60 Burschen und M\u00e4dchen die &#8222;Walser-Jungfront&#8220; gegr\u00fcndet, die sich die &#8222;wohlbedachte energische Abwehr gegen alle Einfl\u00fcsse heimatfremder Elemente&#8220; auf ihre Fahnen schrieb. Als Gegenst\u00fcck gab es die im Jahr 1933 gegr\u00fcndete, nationalsozialistisch orientierte &#8222;Gemeinschaft der Reichsdeutschen im Kleinen Walsertal&#8220;. Zwischen den Jahren 1933 und 1938 gab es einige Unruhen im Tal. Im Fr\u00fchjahr 1934 gab es z.B. Sprengstoffanschl\u00e4ge auf die E-Werk-Trafostation beim Buchenbachtobel und auf einige H\u00e4user in Riezlern und Hirschegg.<\/p>\n<p>Der &#8222;Anschluss&#8220; \u00d6sterreichs an das Deutsche Reich am 13. M\u00e4rz 1938 hatte f\u00fcr das Kleinwalsertal besondere Folgen. Der Gemeindetag wurde aufgel\u00f6st und B\u00fcrgermeister Gedeon M. Fritz abgesetzt. Am 16. April 1938, sechs Tage nach der Abstimmung \u00fcber den Anschluss \u00d6sterreichs an das Deutsche Reich, wurde vom kommissarischen B\u00fcrgermeister und der NSDAP-Ortsgruppenleitung an die Landeshauptmannschaft und die NSDAP-Gauleitung Vorarlberg der Antrag gestellt, das Kleinwalsertal im Zuge des Neuaufbaus \u00d6sterreichs verwaltungsm\u00e4\u00dfig in den Bezirk Sonthofen im Regierungsbezirk Schwaben einzugliedern. Es ist zweifelhaft, ob die ehemals \u00f6sterreichischen Staatsb\u00fcrger diesen Wunsch mehrheitlich teilten. Ein namhafter Teil der Bev\u00f6lkerung blieb jedenfalls demonstrativ fern, als die NSDAP bereits am 12. Juli 1938 pomp\u00f6s die Eingliederung des Kleinwalsertals in den Gau Schwaben feierte.<\/p>\n<p>Sieben Jahre lang stand das Kleine Walsertal unter der F\u00fchrung von Bayern. Die Kriegsjahre erbrachten zwangsl\u00e4ufig einen fast v\u00f6lligen Stillstand des Fremdenverkehrs. Von direkten, materiellen Sch\u00e4den blieb die Gemeinde Mittelberg, das Kleinwalsertal, verschont.<\/p>\n<p>Das Kleinwalsertal wurde vor dem Anr\u00fccken der franz\u00f6sisch-marokkanischen Truppen von der \u00f6sterreichischen Widerstandsbewegung, dem Heimatschutz, unter Kontrolle gebracht. Diese M\u00e4nner unter der Leitung von Peter Meusburger waren bewaffnet. Waffen und Munition hatten sie vom J\u00e4gerbataillon aus Oberstdorf bekommen. Das Ziel des Heimatschutzes war, in den letzten Kriegstagen das Tal vor fanatischen Nationalsozialisten zu sch\u00fctzen und Kampfhandlungen der anr\u00fcckenden alliierten Truppen zu verhindern. Das Tal sollte kampflos \u00fcbergeben werden. Man rechnete mit einer amerikanischen Besatzung und stellte an der Walserschanz eine Tafel mit &#8222;Here is Austria!&#8220; auf. Am 2. Mai 1945 r\u00fcckte die franz\u00f6sische Armee ein. Es gab kein Blutvergie\u00dfen.<\/p>\n<p>Auch die prominenten Internierten im Ifenhotel kamen wieder frei. Tausende von Ostfl\u00fcchtlingen waren seit M\u00e4rz 1945 ins Tal gekommen und \u00fcber tausend Verwundete lagen in den Notlazaretten. Der Bev\u00f6lkerungsstand war dadurch nahezu auf zehntausend Personen angewachsen. Die Lebensmittelversorgung drohte v\u00f6llig zusammenzubrechen. Es war eine harte Zeit f\u00fcr alle Menschen im Tal.<\/p>\n<p>Am 12. Mai 1945 erschien wieder die eigene Gemeindezeitung. Am 20. Mai 1945 fand zu Ehren des eingetroffenen General de Gaulle, dem sp\u00e4teren Staatspr\u00e4sidenten von Frankreich, eine Parade statt. Mit einem Besuch der Vorarlberger Landesregierung und der franz\u00f6sischen Milit\u00e4rregierung kehrte die Gemeinde Mittelberg am 20. September 1945 offiziell zum Land Vorarlberg zur\u00fcck. Titel dieses Festes war: &#8222;Heimat kehrt zur Heimat wieder&#8220;. Am 15. Dezember 1948 verlie\u00df der letzte Soldat der franz\u00f6sischen Besatzungsmacht das Kleinwalsertal. Es wurden alle seit dem Kriegsende beschlagnahmten Hotels und Privatwohnungen f\u00fcr den ersehnten Fremdenverkehr wieder freigegeben. Gleichzeitig traten auch Erleichterungen f\u00fcr den Grenz\u00fcbertritt in die Gemeinde Mittelberg in Kraft, so dass zu Weihnachten der Besuch von deutschen G\u00e4sten erheblich angestiegen war.<\/p>\n<p>von <strong>Stefan Heim<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 10. Juni 2008 wurde im Walserhaus in Hirschegg die von Dr. Thomas Gayda und Stefan Heim konzipierte Ausstellung &#8222;Sonderfall Kleines Walsertal &#8211; Ein Tal im Umbruch &#8211; 1933 &#8211; 1938 &#8211; 1948&#8220; er\u00f6ffnet. Diese brisante Zeit stellte einige Weichen f\u00fcr den Tourismusort Kleinwalsertal. 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